Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur materialen und formalen Bestimmung des Nationaljudentums
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 163 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Bestimmung des Nationaljudentums 163 welche bestimmten, schon historisch gewordenen, d. h. in die national-kulturelle Überlieferung eingegangenen Grundbestandteile des jüdisch-ethischen Denkens und insgleichen welche bestimmten Eigenschaften der jüdischen Volksseele, die bereits historischen Charakter gewonnen hatten, vollkommen geschwunden sind und völlig neuen Platz gemacht haben. Sodann ist zu bedenken, daß es bei der Frage keineswegs darum geht, ob und welche Einzelideen und Einzeleigenschaften vollständig geschwunden sind öder durch vollständig neue ersetzt wurden; sondern daß es darauf ankommt, ob die historische Ethik usw. der jüdischen Nation und die historische Struktur der jüdischen Volksseele jeweils als Ganzes vollkommene Änderungen erfahren haben, ob eine entwicklungsgeschichtliche und entwicklungspsychologische Betrachtung dem ethischen usw. Denken und dem „Geiste" der jüdischen Nation eine durchgängige innere Einheitlichkeit aberkennen muß und lediglich eine Vielheit wechselnder Erscheinungen konstatieren kann. Solange derartige zuverlässige Forschungsergebnisse fehlen, bleibt die grundsätzliche Unterscheidung zwischen der Konstanz der hebräischen Sprache einerseits und des Lehrgehaltes der jüdischen Geisteskultur sowie der Charaktereigentümlichkeit des jüdischen Volkes anderseits eine unbewiesene freie Behauptung. Wiei mit der Unveränderlichkeit der Sprache steht es mit der des Landes. Die Israeliten eroberten Palästina und verloren es später wieder. Dann wurde es ihnen allmählich zu einem vorwiegend — im engeren Sinn des Wortes — religiösen Erinnerungs- und Hoffnungswert derart, daß noch heute viele Juden den Zionismus ablehnen, weil er dem „heiligen Land" seinen „weltlich"-nationalen Eigenwert zurückgewinnen will. Also abermals ein mehrfacher Geltungswandel! Palästina an sich bleibt freilich konstant gleich jedem Land und bleibt für immer die historische Heimat der jüdischen Nation. Jedoch hinsichtlich seiner Bedeutung für das Bewußtsein des jüdischen Volkes, hinsichtlich seines Erlebtwerdens von der jüdischen Volksseele, worauf es hier besonders ankommt, sind beträchtliche Änderungen zu konstatieren. Insofern kann von einer strengen Konstanz auch bei der national konstituierenden „Form" Palästina nicht die Rede sein. Der zweite Einwand der Formalisten fällt noch.stärker auf ihre eigene Behauptung zurück. Von vornherein geben sie selbst zu, daß die hebräische Sprache als lebendige Nationalsprache und das Land Palästina als wirkliches Judenland einstweilen „nur in Vorwegnahme der erstrebten Zukunft" die jüdische Nationalität konstituieren, nur sofern ihre Wiedergeburt unser Strebensziel ist. Mit dieser unumgänglichen Einräumung wird jedoch gerade das hinfällig, auf was es der Formalismus abgesehen hat. Anstatt des subjektiven Moments des „Bekenntnisses", das vorgeblich die materiale Richtung zur Bedingung des Judeseins erheben muß, will der Formalismus ein objektives setzen: Land und Sprache. Wenn nun die Formalisten zugestehen, daß es sich dabei nicht um wirkliche Gegebenheiten, um einfach hinzunehmende objektive Tatsachen handelt, sondern lediglich um Vorwegnahmen, um Willensvorgänge, so ist damit wiederum ein rein subjektives Moment eingeführt. Ich wüßte wenigstens nicht, wie man das Wollen eines gedachten Gegenstandes, das Streben nach einem fingierten Ziel und die gedankliche Vorwegnahme seiner Wirklichheit für ein objektives Moment halten dürfte. Zweierlei Möglichkeiten sind geboten. Entweder beruht der Wille zur.Wiedergeburt Palästinas als Judenland und des Hebräischen als lebendiger Nationalsprache auf der Doppelannahme, daß jene 11*