Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur materialen und formalen Bestimmung des Nationaljudentums
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 162 (sequence 12)
- Language
- German
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IÖ2 Abraham Schlesinger: Es bleibt schließlich das positive Resultat, das der Formalismus aus seiner Kritik der materialen Richtung gewinnt. Nachdem ihm gedankliche Inhalte und charakterologische Eigentümlichkeiten allzu variabel dünken, um die Nationalität konstituieren zu können; nachdem zweitens Lehrinhalte als an subjektiv-individuelle Aufnahmebedingungen gebunden dazu unfähig sein sollen; und nachdem endlich Lehrinhalte als an sich anationalen Charakter tragend von den Konstituenten auszuscheiden seien: dürfen lediglich gewisse Formen, vorzüglich Sprache und Land, als die echten Nationalitätsmerkmale Geltung beanspruchen.*) Die spezifisch nationalen Merkmale der jüdischen Gemeinschaft sind also die hebräische (Umgangs-)Sprache und das Land Palästina, vorläufig allerdings in der Form von Strebenszielen. Mir scheint, daß man gegen diese positive These des Formalismus genau die gleichen Einwände erheben kann, durch die er den materialen Nationalismus widerlegen will — nur. mit größerer Berechtigung. Wie steht es mit der Konstanz der Sprache? Die Israeliten übernahmen zwar das Hebräische nicht erst von den Kanaanitern, aber mindestens seine Ausbildung und Ausgestaltung erfuhr es hier unter fremden Einflüssen. Als lebendige Nationalsprache, als allgemeine Umgangssprache des jüdischen Volkes, begann es schon in der Zeit des zweiten Reiches bis zu gewissen Graden verdrängt zu werden. Immer mehr wurde es weiterhin zur Sprache der Synagoge, des Lehrhauses und der zugehörigen Literatur: es nahm allmählich durchaus den Charakter der „heiligen Sprache" oder genauer der „Sprache des Heiligtums" an und behielt ihn bis auf die Gegenwart, wo erst wieder, und zwar nicht ohne vielfachen Widerspruch, seine „Verweltlichung4* anhebt. Das Hebräische machte also eine Wandlung durch von der ursprünglichen nationalen Umgangssprache zur vorwiegend — im angegebenen engeren Sinne des Wortes — religiös gerächteten und gewerteten Literatursprache des jüdischen Volkes. Dies betrifft den nationalen Aktualitätscharakter des Hebräischen. Daß es an sich selbst, philologisch betrachtet, vom Deborahlied bis zu den Aufsätzen in „Beschaah su" konstant geblieben sei, wird gewiß niemand behaupten. Zeigt aber die hebräische Sprache nach aktuell-nationaler Geltung wie für die philologische Betrachtung derartige Variabilität, so darf man hinsichtlich ihrer Konstanz zwischen ihr und den gedanklichen Inhalten der jüdischen Geisteskultur wie der Charakterologie des jüdischen Volkes vielleicht graduell, aber nicht generell unterscheiden. Freilich wäre entgegenzuhalten: die hebräische Sprache existiert doch überhaupt noch und ist für immer wenigstens potentiell vorhanden, als ursprünglich lebendige und späterhin literarische Sprache der jüdischen Nation, mithin als ihr unverlorenes historisches Besitztum; während z. B. einzelne Grundgedanken der jüdischen Ethik, einzelne Grundzüge des jüdischen Volksgeistes, ganz verschwunden bzw. neuerworben sein können oder sind! Allein auch dieser Einwurf muß zurückgewiesen werden. Einmal gälte es, vor allem den Beweis zu erbringen,, *) Ich halte es nicht für zufällig, daß die Formalisten zwar gelegentlich auch die Geschichte eine konstituierende „Form" nennen, dann aber stillschweigend darüber wegzugehen pflegen und sich nur an Land und-Sprache halten. Sie dürften andernfalls in ernste Schwierigkeiten geraten. Da die jüdische Geschichte doch wohl nicht allein aus Kriegen im Altertum, Verfolgungen im Mittelalter, Zionistenkongressen und Emanzipationsbestrebungen in der Neuzeit besteht, sondern auch die Kulturgeschichte umfaßt, diese aber zugleich „Lehrinhalte" einschließt: so müßten zuletzt doch die „Inhalte" notwendig mit zu den konstituierenden Nationalitätsmerkmalen gezählt werden. Wovon das Gegenteil zu beweisen war .. .