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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 4 · p. 161

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 4
Article
Zur materialen und formalen Bestimmung des Nationaljudentums
Date
1919-01-01
Page
161 (sequence 11)
Language
German
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Zur Bestimmung des Nationaljudentums 161 sammengehörigkeit. Steht es aber so, dann kann er unmöglich daran denken, ^einen „Lehrinhalt", ein „materiales" Element, als einziges Kriterium der jüdischen Nationalität und ein „Bekenntnis" zu ihm als das Wesen des jüdischen Nationalismus ansprechen zu wollen. Nach der Voraussetzung müßte vielmehr umgekehrt die ausschließliche Geltung eines Bekenntnisses, etwa zu einem besonderen ethischen Ideenkomplex, al$ hinreichender Bedingung des Nationalismus geleugnet werden. Und dies geschieht auch wirklich. Mindestens das „nationale Gefühl" muß auf alle Fälle für Achad Haam (und Dubnow) gegeben sein, wo es ihm zulässig erscheint, von einem Nationalismus zu reden. Der dritte Einwand rindet eigentlich schon mit den letzten Ausführungen seine Erledigung. Wenn der materiale Nationalismus gar nicht die alleinige Maßgeblichkeit eines Lehrinhalts für das Nationaljudentum behauptet, wenn er im Gegenteil eine solche Zerspaltung des Gesamtkomplexes der Nationalitätsmerkmale, wie sie der Formalismus bei dieser Argumentation seinerseits voraussetzt, entschieden ablehnt, so verliert der Nachweis des „anationalen" Charakters der gedanklichen Inhalte in ihrer reinen Isolierung jede Bedeutung als Gegenargument. Nicht dieses und jenes Einzelmoment für sich hat den Vertretern der materialen Auffassung konstitutive Kraft, sondern ihr gegebenes und unzertrennliches volles-Zusammensein und was daraus einheitlich resultierend produziert wird. Auch sonst wäre der Einwand unhaltbar. Er verleiht hier dem Begriff des gedanklichen Inhalts einen ad hoc eigens zurechtgemachten Sinn. Selbstverständlich kann die Idee des Monotheismus, der absoluten Gerechtigkeit, des ewigen Friedens, an und für sich, in solcher Isolierung, nicht ein nationales Kriterium abgeben. Aber wo ist von derartigen isolierten Ideen die Rede? Die Idee der absoluten Gerechtigkeit z. B. steht im historischen Judentum in Verbindung mit der von Israels „Auserwähltheit", d. h. mit dem Gedanken, daß die jüdische Nation die Bestimmung hat oder, modernisiert ausgedrückt, die geschichtliche Disposition, oder das selbstgewollte Seinsziel und dergl., gerade als Sondernation durch ein besonderes nationales Leben jene Gerechtigkeitsidee zu verwirklichen. Das messianische Ideal des ewigen Friedens steht im engsten Zusammenhang mit den nationalen Eigenhof fnungen Israels für „das Ende der Tage".*) Usw. Läßt man die „Lehrinhalte" der jüdischen Kultur, Ethizismus, Messianismus usf. in ihrer geschichtlichen Gegebenheit, in ihrer ursprünglichen Verbundenheit mit spezifisch nationalen Gedanken, wie sie ihren Schöpfern und vornehmsten Trägern, den Propheten, Dichtern und Schriftstellern der hebräischen Antike und den späteren Lehrern lebendig waren, so wird von ihrem „anationalen" Charakter wenig merklich sein.**) Stellt man sie dagegen für sich hin, löst man sie künstlich und willkürlich, was zu bestimmten wissenschaftlichen Untersuchungszwecken, aber nur dazu, berechtigt sein mag, aus ihren Zusammenhängen und Einbettungen, so gewinnt man freilich ein anderes Bild. Allein was hat dies mit den Behauptungen der Vertreter des materialen Nationaljudentums zu tun? *) Achad Haam betont ausdrücklich diese charakteristische Verschmelzung universalistischer mit nationalistischen Ideen in den geistigen Schöpfungen der jüdischen Nation und im ganzen Denken der bedeutendsten Juden früherer Zeiten — was ihm allerdings auch wieder von Formalisten (Hurwitz!) verargt wird. **) In seinen „Problemen des modernen Judentums" S. 191 .spricht Klatzkin selbst von dieser organischen Verbundenheit der „nationalen Form" mit dem „universalen Inhalt". Heft 4« 11

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