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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 4 · p. 160

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 4
Article
Zur materialen und formalen Bestimmung des Nationaljudentums
Date
1919-01-01
Page
160 (sequence 10)
Language
German
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xöo Abraham Schlesinger: mit ihren Lehrinhalten wie die Besonderheit der jüdischen Volksseele trotz ihrer unbestrittenen Entwicklung und trotz mannigfacher Einzelwandlungen im Laufe der Zeiten doch niemals den Zusammenhang mit ihren Ursprüngen verloren haben oder jemals verlieren können; daß alle gedanklich-inhaltlichen wie charakterologischen Änderungen nimmermehr die völlige Aufhebung des die jüdische Nationalität ursprünglich Konstituierenden und für lange Dauer Charakterisierenden zu bewirken vermögen. Jede lebensfähige Neubildung in und an der jüdischen Nationalität erscheint als Verschmelzungsprodukt eines geschichtlich Vererbten und eines neu Erworbenen, so, daß in den späteren Neubildungen immer das „Alte" in seiner durch die früheren Verschmelzungsprozesse bedingten Eigenmodifikation vorhanden ist. Insofern muß man sagen: die überlieferten gedanklichen Inhalte der jüdischen Kultur und die vererbten Dispositionen der jüdischen Nation erweisen sich bei allen Wandlungen des jüdischen Volkstums und Volkscharakters als die relativ konstanten Faktoren. Achad Haam hält diese allerdings für stärker, d.h. im jeweiligen Verschmelzungsprozeß für wirksamer, als die in die Verbindung gerade neu eingehenden Elemente. Er setzt offenbar ihre Stärke im allgemeinen direkt proportional ihrem Alter und ihrer Wirksamkeit in der Vergangenheit. Da mithin eine absolute Beharrung der konstituierenden und charakterisierenden Merkmale der jüdischen Nationalität gar nicht behauptet wird, so verliert der erste formalistische Einwand seine Grundlage und seine Berechtigung. Das Gleiche gilt von dem zweiten Einwand: er trifft überhaupt nicht die Meinung, gegen die er gerichtet sein will. Die Vertreter des materialen Nationalismus reden nicht von einem „Bekenntnis" zu den einzelnen Lehrinhalten der historischen jüdischen Kultur im Sinne eines persönlichen Fürwahrhaltens, sondern von einer gefühlsbetonten Anerkennung als historisch-nationaler Eigengüter. Alle die Momente, welche in ihrer Gesamtheit für diese Auffassung die jüdische Nationalität ausmachen, sollen eben als die nationalen Merkmale erlebt werden. Wie sie oder ein Teil von ihnen, z. B. die jüdische Ethik, in anderer Hinsicht beurteilt werden, etwa vom Gesichtspunkt wissenschaftlicher Fachkritik aus, ist eine Frage für sich. Und da, wie wir sehen, die materiale Richtung eine fortwährende Entwicklung und Modifikation auch der Lehrinhalte nicht nur zugesteht, sondern geradezu für den normalen Zustand erklärt, so vermag in der Praxis ein Konflikt zwischen nationalem und wissenschaftlichem Erleben eines bestimmten Lehrinhaltes der jüdischen Kultur jederzeit durch entsprechende Umbildungen, Synthesen und sonstige gedankliche Operationen unschwer behoben zu werden*). Aber noch aus einem andern Grunde ist der Einwand unhaltbar. Er verkennt vollständig den eigentlichen Kerngedanken der gegnerischen Auffassung, besonders der Achad Haams, wenn er dem materialen Nationalismus die Ansicht unterlegt, daß nur ein Lehrinhalt das Kennzeichen der jüdischen Nationalität bilde. Indem Achad Haam seine ganze Nationalitätslehre auf dem Begriff des „nationalen Ich" aufbaut, gibt es für ihn ja eine Trennung von „Inhalten" und „Formen" im Sinne der Formalisten überhaupt nicht! Sowohl die „formalen" als die „materialen" Merkmale des Begriffs der jüdischen Nationalität sind ihm wesentlich und zwar in ihrer unteilbaren Ganzheit und unlöslichen Zu- *) Nochmals sei für die Stellung Achad Haams zu dieser Frage besonders auf APD, II,;S. 89/90 verwiesen.

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