Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur materialen und formalen Bestimmung des Nationaljudentums
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 157 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Bestimmung des Nationaljudentums 157 So läßt sich beispielsweise, wenigstens prinzipiell methodologisch, der jüdische „Volksgeist" erkennen vermöge wissenschaftlicher Analyse der historischen oder in ihrer historischen Entwicklung betrachteten jüdischen Gottesidee, Ethik, Religionssatzung, der im jüdischen Volksbewußtsein lebenden zentralen eigengeschichtlichen Persönlichkeiten usw.*) Das Erleben der jüdischen Nationalität oder der jüdische Nationalismus zeigt eine größere Mannigfaltigkeit. Es kann als jüdisches „Nationalgefühl" lediglich ein unmittelbares emotionales Erfassen sein, ein unanalysiertes Gefühl der Verbundenheit mit der ganzen Vergangenheit und mit der historischen Gesamtkultur des jüdischen Volkes**), Auf einer höheren Stufe kommt es zugleich zu einer geklärten Einsicht in die gegenständlichen Grundlagen des jüdischen Nationalgefühls. Solches Wissen ist vornehmlich für die nationale Erziehung anzustreben, wo es gilt, verständnisvolle Liebe zu allen Erscheinungen des nationalen Ich, verehrungsvolle Erfassung aller historischen Nationalgüter des jüdischen Volkes in die Herzen der Jugend zu pflanzen***). Aber diese Forderung braucht nicht die Verpflichtung auf ein doch immer individuell mitbedingtes positives Bekenntnis zu bestimmten Einzelinhalten, etwa der historischen jüdischen Glaubenslehren oder aller überlieferten ethischen Anschauungen, einzuschließen"}*). Vielmehr geht es um ein Gefühl und Wissen des geschiehtlichen Verbundenseins, um eine gefühlsbetonte Anerkennung der Tradition als des historisch-nationalen Erbgutes; einigermaßen ähnlich den Gefühlen und seelischen Verhaltungsweisen der germanischen Völker gegenüber den Götter- und Heldensagen ihrer historischen Mythologie, wo ein positives persönliches Inhaltsbekenntnis heute gewiß nicht mehr vorliegt. Ein Jude, der nicht wenigstens eine solche Gemütsbeziehung zu den wesentlichen Bestandteilen seiner geschichtlichen Nationalkultur hat, ermangelt des jüdischen Nationalismus. Es ist dann reine Willkür, wenn er trotzdem einzelne Elemente des jüdischen Volkstums, wie z. B. die hebräische Sprache und die Liebe zum Lande Palästina, herausgreift und sie allein als Nationaljudentum proklamiert. Weshalb sollen gerade diese vereinzelten Stücke im Vorzug sein? Hier handelt es sich lediglich um Privatliebhabereien, um persönliche Neigungen und subjektive Idealsetzungen jüdischer Individuen. Jüdischer Nationalismus .bedeutet etwas anderes: ein emotionales oder dazu noch intellektuelles Total erleben der historisch gegebenen jüdischen Totalnationalität ttX Das Ganze zusammenfassend können wir also sagen: 1. Die Judenheit stellt eine Nation dar auf Grund ihres historisch-nationalen Ich, das aus zahlreichen bestimmten Vergangenheitserinnerungen und Zukunftsbegehrungen der Gesamtheit als einheitlich unteilbares geistiges Gebilde resultiert, im Erleben jüdischer Individuen existiert und sich normalerweise dauernd in kontinuierlicher Entwicklung befindet. Zur äußeren Erscheinung gelangt es in der historischen jüdischen Gesamtkultur, die entsprechend ebenfalls einer dauernden Entwicklung unterliegt. 2. Diese jüdische Nationalität oder das Nationaljudentum im objektiven Sinn ist demnach notwendig durch ihr historisches Ich bzw. ihre historische *) APD, II, S. 85; III, S. 44ff., 210f., 222ff.; IV, S. 38«. **) APD, II, S. 59; IV, S. 129. ***) APD, I, S. 2ioff.; II, S. i33ff.J IV, S. 133 fr., 204. t) APD, II, S. 74, 139. ff) APD, IV, S. 124fr