Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1919-01-01 · Heft 4 · p. 150

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 4
Article
Westjüdische Dynamik
Date
1919-01-01
Page
150 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101150-3101154-3104381--3211-3104404
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Paul Amnan: Westjüdische Dynamik Tatsachen bewegen. Wenn in jener Umfrage des Kunstwart die überraschende Tatsache hervorgehoben wurde, daß Juden großenteils das geistige Besitztum Deutschlands verwalten, so verschwieg man, um diese Paradoxie recht hervortreten zu lassen, viel zu sehr die ergänzende Hälfte dieses Faktums: daß auch das bessere Lesepublikum Deutschlands zu einem ebenfalls sehr bedeutenden Teil jüdisch ist. Statistisch ist das nicht zu fassen, man ist da nur auf persönliche Beobachtung und Indiskretionen von Sortimentsbuchhändlern angewiesen. Wie selten betritt ein Jude eine Leihbibliothek mit der Banausenformel: ich möchte „etwas Humoristisches"! Die Fehler dieser Tugenden sollen nicht geleugnet werden, der literarische Snobismus ist bei uns häufiger, aber selten in seinen ärgsten Formen zu finden. Übrigens geht es uns hier ja nicht um die Qualität dieser Energien, sondern um ihre Stärke. Die Tagespresse und ihre „Verjudung" lasse ich hier beiseite, um nicht von völlig Bekanntem reden zu müssen; aber auch an den vornehmsten Revuen, die gewissermaßen den deutschen Geist vor Europa repräsentierten, ist der Anteil der Juden sehr groß. Wieder täuscht vielfach die mehrfach erwähnte Mimikry. Nicht nur die „Neue Rundschau", der man den Ton von Berlin W. leicht anmerkt, sondern auch die solide konservative „Deutsche Rundschau" geht auf jüdische Initiative zurück, und damit die zwei vornehmsten Zeitschriften, fast die einzigen, die sich neben den Pariser und Edinburger Revuen sehen lassen können, die ihr Vorbild waren. Selbst wenn eine zahlenmäßige Darstellung der literarisch interessierten Juden Deutschlands möglich wäre, wäre damit noch nicht die Eigenart, die eigentümliche Stärke ihrer soziologischen Rolle klar gemacht, Denn von drei literaturfreundlichen echten Deutschen lesen zwei vor allem ältere gute Lieblingsschriftsteller, außer Goethe ihren Keller, Raabe, Storm, während unter den lesenden Juden gewiß die meisten auch dem Schaffen der jungen Generation offen stehen und so, selbst wenn sie darüber zu Snobs werden, ein notwendiges Element der künstlerischen Fortentwicklung sind. Der rechte Deutsche ruht tief und etwas bequem in bewährten Schätzen, der beweglichere Jude sucht die neuen Werte, auf die Gefahr hin zu irren. IV. In Rollands „Johann Christoph" heißt es einmal, nur mit Juden könne man von neuen, heutigen Dingen reden, weil sie nicht die gleiche Last europäischer Tradition drücke. So sonderbar es klingt, dem ältesten der lebenden Kulturvölker die frischeste Geistesjugend zuzuschreiben, so ist unser edler französischer Freund doch sicher auf rechtem Wege, wenn er die „Modernität" der Juden nicht allzu tief, nur aus der äußern Geschichte der letzten 1500 Jahre ableitet. In Deutschland sind die Juden jedenfalls neuerdings fast immer die ersten Träger europäischer Ideen gewesen. Schließlich kann man daran erinnern, daß sie neben ihrer einzigen Eigenart doch einfach auch als Splitter einer Mittelmeerbevölkerung in nördliches Gebiet verschlagen wurden. Schon daher wird ihre Aufnahmefähigkeit speziell für galloromanische Ideen recht verständlich. Daß es sich hier mehr um eine zufällige, gelegentliche Funktion handelt als um eine Äußerung tiefster Volksbegabung, suggerieren uns gewisse Parallelerscheinungen in anderen germanischen Ländern, wo ebenfalls politisch unterdrückte, dabei lebhaftere Volksteile älterer Kultur, deren individuelle Art mit dem jüdischen Wesen weiter keine Berührungspunkte zeigt, als Ideenträger und -vermittler erscheinen. Ich denke an die Irländer in England und ihre Rolle im Zeitungswesen, im Kunstleben und wieder in der Literatur. In Deutschland sind wir auch nicht die einzigen in unserer Funktion. Wer Theodor Fontanes Briefe daraufhin liest, findet bei diesem Sprößling französischer Flüchtlinge

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.