Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Westjüdische Dynamik
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Westjüdische Dynamik 149 sind/' Solche Erfolge sind beim jüdischen Publikum also wirklich irgendwie von nationalen Instinkten genährt, ohne aber Cliquesache zu sein. Nachdem wir so von dem ersten Publikum dieser vielleicht größten Tragödin Frankreichs eine Vorstellung bekommen haben, müßten, wenn es d$r Raum zuließe, noch Zitate aus dem liebenswürdigen Aufsatz Alfred de Mussets folgen, worin er seinen Besuch bei der jungen Rachel schildert. Da würden wir den reinen Idealismus der Anfängerin sehen, die sich kindisch über die erste bescheidene Klassikerausgabe freut, die sie von ihrem Gelde gekauft hat; daß ihre Familie gar nicht viel Wesens macht mit dem genialen Kinde, daß sie ungeniert von Vater und Geschwistern gescholten wird, vollendet den Eindruck dieser „Jüdischkeit" ihres Milieus. Wer weiß, welch entscheidender Wendepunkt für die Geschichte des französischen Theaters dieser Erfolg der Rachel war, wie ihre Begeisterung für die französischen Klassiker der Romantik auf der Bühne den Gnadenstoß gab, erfaßt eben das, worauf es uns hier wieder ankam: die Veranschaulichung einer gewaltigen bewegenden Kulturkraft, ausgeübt von einem Häufchen neu eingewanderter Elsässer Juden inmitten eines sehr alten gebildeten Volkes — also wieder das rein Dynamische im Juden. III. Die Beziehungen zwischen dem Theater und der gelesenen Literatur sind heute lose genug, daß sich das jüdische Theaterleben als soziologisches Phänomen gesondert betrachten ließ. Der Anteil der Juden an der Buchliteratur ist in Deutschland bereits von verschiedenen Seiten her gekennzeichnet worden; die letzte größere Aussprache darüber fand einige Zeit vor dem'Kriege im „Kunstwart" statt, eine Umfrage, an der sich auch einige unserer Freunde beteiligt haben. Allzu große Gründlichkeit, aber auch ein zu rasches Losgehen auf die Kernfrage hat dabei die Aufhellung dieser soziologischen Frage eher gehemmt. Die Kernfrage, die seit Wagners Schrift über das Judentum in der Musik immer aufgeworfen wird, wenn von dem Anteil der Juden an deutscher Kunst die Rede ist, betrifft die künstlerische Gleich- oder Minderwertigkeit dieser jüdischen Leistungen, was sich dann immer zu der Endfrage zuspitzt: ob jüdische Genies möglich seien. Aus tendenziösen Gründen wird dies auch von unserer Seite viel zu leichtsinnig verneint; im Golus seien keine Genies möglich, ist eine ganz dogmatische Behauptung, die jeden Tag durch die Erfahrung widerlegt werden kann und mindestens in Spinoza widerlegt worden ist. Daß die vielen Millionen christlicher Europäer eher die paar alle neueren jüdischen Größen überragenden Geistgewatligen von Dante bis Goethe hervorgebracht haben, läßt sich ganz wohl nur als Faktum der Wahrscheinlichkeitsrechnung begreifen. Aber von einer Unmöglichkeit solcher jüdischer Genies außerhalb unseresi Stammeslandes kann man von vornherein schon deshalb nicht sprechen, weil das Wort Golus ein so unruhiges, wechselndes Auf und Ab der Lebensbedingungen bezeichnet, unter denen sehr wohl auch der Genieentfaltung günstige eintreten mögen.' Bei den hohen Begabungen zweiten Ranges ahnen wir schon so etwas. Daß Heine und Börne z. B. gerade in Zeiten starker Geistesbewegung Europas auftraten, daß auch bei uns wieder, schon vor dem Kriege, die kräftigsten Ansätze zu einem neuen tätigen Idealismus im deutschen Schrifttum meist jüdische Träger hatten* das stimmt sehr zu dem besondern Begriffe von der jüdischen Art des Schaffens, die wir Martin Buber verdanken.. Wie es auch mit den tiefsten Gründen der Produktivität sich verhalten mag, so kommen wir doch schon zu nützlichen Einsichten, wenn wir diese Seite des Problems wieder von außen angehen und uns dabei möglichst weit auf dem Boden fester