Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Westjüdische Dynamik
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 148 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Paul Amann: jüdischen Theaterfreudigkeit ist sicherlich noch eine andere, tiefere, mehr in kernhaften Volksinstinkten begründete. Dem mögen Berufenere nachgehen. Wenig bekannt ist, daß zunächst der starke Theaterbesuch der Juden keine Folge ihrer Emanzipation war, sondern ihr vorausging, soweit es die bürgerlichen Gesetze zuließen. Speziell in Deutschland scheint eine jüdische Theaterleidenschaft sich schon mit dem Aufkommen einer geordneten Bühne geäußert zu haben. In den Erinnerungen des Schauspielers Christ steht eine Anekdote, die beweist, daß schon um 1770 in Berlin das sehr zahlreiche jüdische Publikum seinen Bühnenlieblingen mit demselben Fanatismus anhing, wie ein Jahrhundert später in Wien die Bewunderung für Sonnenthal und Lewinsky — die sie ja wirklich verdienten — eine Art ungeschriebener Glaubensartikel der Kehilla war. Die interessante kulturhistorische Frage, inwiefern diese offenbar ganz ursprüngliche Theaterleidenschaft in der vorhergehenden Zeit des geschlossenen Ghettos genügende Nahrung finden konnte, vermag ich nicht zu beantworten. Die willige Begeisterung unserer Ur-Urgroßväter für christliche Bühnenhelden läßt auf einen förmlichen Hunger nach dramatischen Erregungen schließen. Uns interessiert dabei wieder nur die Stärke dieses Phänomens, die große soziologische Energie, die hier entwickelt wurde, wo es doch nur um Spiel und Schein ging. Sobald nun die empfangende Kunstfreude zur schaffenden wurde, sobald große jüdische Schauspieler ein großenteils jüdisches Theaterpublikum begeisterten, kompliziert sich die Psychologie der jüdischen Theaterwelt. Wir, die wir eine Lebensautonomie des jüdischen Volkes erstreben, sind versucht, in diesem intimen Kontakt etwa zwischen einem Lewinsky und seinem Publikum aus der Leopoldsstadt mitten im alten Burgtheater der „schwarzen" Habsburger so etwas wie die Elemente einer hohen jüdischen Bühnenkunst zu sehen. Etwas von der Art spielte dabei sicher mit, und die Nichtjuden suchten daraus Kapital zu schlagen. Ein Feuilleton der Frau von Girardin wirft das gleiche Problem schon gelegentlich des Auftretens der Rachel auf. Es heißt dort: („Lettre parisienne" vom 24.11.1838): „Wir haben Fräulein Rachel noch nicht gesehen, aber schon jetzt hat sie unser Wohlwollen; ihre ..Verkleinerer behaupten, daß ihr Riesenerfolg einfach durch nationale ' Solidarität zustande komme. Sie sagen: Fräulein Rachel ist Jüdin, und jedesmal wenn sie spielt, ist das halbe Theater von ihren Glaubensgenossen besetzt. Sie verhalten sich ihr gegenüber wie bei Meyerbeer und Halevy. In der Oper brauche man sich nur bei Aufführungen der „Hugenotten" oder der „Jüdin" umzusehen: alle Plätze, die nicht im Jahresabonnement vergeben würden, seien von Juden besetzt. Das ist wahr, und unwillkürlich müssen wir dieses schöne Zusammenhalten jenes ganzen Volkes bewundern, das sich über die ganze Welt hin verbreitet und sich doch in allen seinen Teilen verständigt und sich so rasch versteht, das einen seiner Söhne beim ersten Notschrei unterstützt und das jeden Abend in Scharen zusammenströmt, um einem seiner Kinder zuzujubeln, das durch sein Genie hervorstrahlt. Man könnte darüber ganz nachdenklich werden. Kein Vaterland haben und doch ein so vollkommenes Nationalgefühl! Welche Lehre für uns .. . Braucht es viele Jahrhunderte der Verbannung und Verfolgung, damit die Kinder eines Landes sich, lieben? Vielleicht! Wie immer dem sein mag, wird Fräulein Rachel ein verdienter Erfolg zuteil; aufgebauschte Erfolge haben nicht diese Widerspruchslosigkeit und diese Dauer; übrigens hören wir jeden Abend die junge Tragödin von Kunstrichtern rühmen, zu denen wir das größte Vertrauen haben, von alten Kennern der Tragödie, die Talma (und andere Größen) gesehen haben und dabei durchaus keine Juden