Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Westjüdische Dynamik
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 147 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101154-3104381--3208-3104401- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Westjüdische Dynamik 147 not tut. Diese dynamische Größe der jüdischen Tätigkeit im Golus fassen wir leichter durch das Studium der Soziologie der bürgerlich-liberalen Epoche, deren Ruinen und Skelette noch unser jüdisches Gemeindeleben beengen und uns auch sonst in erstaunlich weitem Kreise umstarren. Noch mehr als bei den Sozialdemokraten hat hier das Geschrei über „Verjudung" die jüdischen Träger der mannigfaltigsten Leistungen in allerlei raffinierte Mimikry getrieben, der gegenüber die offizielle Statistik völlig versagt- Nur die konkrete Lebenserfahrung der Beobachter, also mehr künstlerisches als wissenschaftliches Material, kann ihnen beim geistigen Nachbau dieser soziologischen Babeltürme dienen; daß manchen dieser Erforscher mehr Haß als Liebe antrieb, ist hier gleichgültig. Die politische Wirksamkeit der Juden in der „liberalen-* Zeit mag hier wegbleiben; wir suchen möglichst neutralen Boden; der große Anteil der Juden am Wirtschaftsleben des 19. Jahrhunderts ist bekannt, und es brauchte nicht erst Sombarts tendenziöse Zusammenstellungen, um diesen Anteil anschaulich zu machen; aber auch unsere Besten sind da zu einer tendenziösen Unterschätzung geneigt: ohne die materielle Größe der geleisteten Arbeit zu leugnen, glauben sie darin nur ein Werk der niedrigen, eben materiell gerichteten Volkskräfte verachten, ich meine auch dynamisch, nicht nur moralisch geringschätzen zu dürfen; gewiß mit Unrecht. Wieviel bliebe von der Größe des gewaltigsten Weltvolkes, der Engländer, wenn man an ihre kolonialen Leistungen diesen Maßstab anlegen wollte! Aber selbst wenn wir so viele ehrliche harte Arbeit, so viele schöpferische Führergestalten preisgäben, wenn wir auch noch die Presse, die es gewiß in vielen Fällen reichlich verdient hat, in dieses Nichts zurückstoßen wollten, so bliebe doch — alles künstlerische Maklertum beiseite gesetzt — noch ein so alter, so ursprünglicher Anteil der Juden am Kunstleben, an der Literatur und Wissenschaft Westeuropas, die wir als Verschwendung jüdischer Kräfte beklagen mögen, wenn wir den ganzen Mut unserer Idee haben, die wir aber nicht als „materialistische** Auswirkung unserer Volksbegabung ansehen können. Damit stehen wir vor dem Grundphänomen: beste jüdische Seelenkräfte, in jener Intensität, wie sie auch unsere jungjüdischen Gemeinschaftsansätze zeigen, waren und sind auch im „weltlichen" Leben der Westjuden wirksam. Im Folgenden soll dies an wenigen herausgegriffenen Beispielen erwiesen oder anschaulich gemacht werden. Aber im Grunde wissen wir das ja alle! Wir wollten es nur nicht wissen, weil es so bequemer war. Es ist nicht wahr, daß die stärksten jüdischen Kräfte nur bei uns waren und außerhalb nur zahlreiche schwache Splitter, Nicht durch den Beweis der Kraft allein werden wir siegen, sondern durch den der Kraft und des Geistes. In Wort und Tat haben wir die Richtigkeit unserer Erkenntnis darzutun, die lebendige Wahrheit unserer Idee, indem wir alle Wahrheit und alle lebendigen Kräfte an uns ziehen, die ringsumher auf diesem kleinen Erdball aus jüdischen Seelen wirken. II. Kurz vor dem Kriege habe ich in der „Welt" die Beiträge zur jüdischen Soziologie gewürdigt, die uns Romain Rollands „Johann Christoph" bietet. Dort fällt auch die Bemerkung, das Problematische ihrer höheren Lebensziele, die lockere Verwurzelung in der physischen wie geistigen Umwelt lege so vielen Juden die Schauspielerlaufbahn und überhaupt das Theaterwesen nahe. Das Verdienst eines solchen geistreichen Wortes liegt nicht in einer erschöpfenden Begründung, sondern im Hinlenken unseres Blickes auf Erscheinungen unseres Alltags, die wir eben wegen ihrer Alltäglichkeit auf tiefere Bedeutung kaum ansehen würden. Diese Bedeutung der 10*