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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 4 · p. 146

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 4
Article
Westjüdische Dynamik
Date
1919-01-01
Page
146 (sequence 2)
Language
German
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146 Paul Amann: Gedankengänge hören: Ja, bevor wir kamen, war die jüdische Tat freilich über eine weite Umwelt zersplittert und verschwendet, weil sie eben das rechte Feld ihrer Wirksamkeit noch nicht kannte; aber dann trat Theodor Herzl auf. •. Daß wir unter Herzls Impuls tatsächlich gegen ein zersplittertes Allerweltsjudentum rasch Boden gewannen, mußte diese vorschnelle Deutung weit komplizierterer Verhältnisse befestigen. Erst heute entdecken wir wieder, wieviel heroische Unbedingtheit, welche Riesenkräfte überhaupt noch außerhalb unseres Kreises bleiben. Bei der Nachprüfung unserer propagandistischen Gedanken müssen wir gerade den früher allzusehr beiseite gelassenen soziologischen Maßstab fleißig anlegen. Unser zionistisches.Nationaljudentum wuchs zunächst auf Kosten eines jüdischen Bürgerstandes, und unser schweres Mißverständnis rührt schon daher, daß wir im Rausch des erfolgreichen Kampfes auch einer Art Machtwahn verfielen, uns mehr auf den Beweis der Kraft als des Geistes stützten, die offenbare Mattheit, Schlappheit, hämische Ideenarmut dieser jüdischen Bürger, die uns gegenüber standen, weit mehr der Schwäche ihres Judentums, als dem damaligen Gesamtzustande ihrer ganzen sozialen Schicht zuschrieben, jener trägen, tatfernen, materialistischen Sättigung der Bourgeois an der Schwelle des Weltkrieges, wie sie Balzac schon 1830 in Frankreich und Dickens um die gleiche Zeit in England beobachtet haben und die gar nichts spezifisch Jüdisches ist und andrerseits nur zu oft die Bekehrung zum Nationaljudentum überdauert hat. Heute, wo die „arischen" Bürgerparteien alten Schlages auch überall zermalmt werden, erkennt man im, Untergang unserer „Liberalen" vor zwanzig Jahren nicht mehr eine bloße Folge ihrer „Verjudung"; höchstens hat bei ihnen das raschlebige jüdische Element einen notwendigen, allgemeinen Prozeß stark beschleunigt* Gerade durch Analyse dieser vielberufenen „Verjudungserscheinungen" können wir einen Schlüssel zu den erschütternden Vorgängen dieser Tage gewinnen. Da ihre hervorstechenden jüdischen Träger für ihre Überzeugung mit ihrem Leben eingestanden sind, kann bei der Beurteilung dieses Tuns von Juden außerhalb eigentlich jüdischen Volkslebens der moralische Gesichtspunkt außer Betracht bleiben, obwohl uns bekannt ist, daß manche moralisch minderwertige Mitläufer extremster Bewegungen die fremde wie die eigene Lebensgefahr nur als ein perverses Reizmittel mehr genießen. Auch die praktisch-politische Vernunft oder Schädlichkeit dieses Wirkens und Mitwirkens der Juden von Rußland bis Amerika soll hier nicht erwogen werden; wer könnte das heute schon mitten im reißenden Strom der Ereignisse? Es ist auch gar nicht wahr, daß diese starken Taten von Juden inhaltlich überall dasselbe Gepräge haben, daß sie alle — wie die Antisemiten und Nationalisten schreien, die Ursache haben, Sündenböcke zu suchen — dem äußersten Radikalismus dienen, da doch in einer Familie Gegensätze wie zwischen Viktor und Friedrich Adler möglich waren und auch die deutschen Mehrheitssozialisten genug bedeutende Juden zählen. Pazifisten wie Alfred H. Fried und Karl Kraus und andrerseits der Erfinder des Haßgesangs gegen England, Lissauer, sind Juden. Das wahre Gemeinsame, das hier der soziologische Beobachter verzeichnen darf, ist nur die Ursprünglichkeit, die Instinktstärke dieses Tatendranges, ist die Größe und Weite seiner Auswirkung, also ein formales, fast rein dynamisches Moment, das wir uns viel zu sehr verdeckt und verdunkelt hatten. Die Vorfälle von gestern und heute haben uns zu dieser Einkehr angeregt, aber sie sind uns viel zu nahe, in ihren Folgen, in ihrer historischen Bedeutung zu ungewiß, um an ihnen die nachprüfende Vergleichung versuchen zu können, die jetzt

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