Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Westjüdische Dynamik
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 145 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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WESTJÜDISCHE DYNAMIK L Friedrich Adler, Rosa Luxemburg, Kurt Eisner, Gustav Landauer — diese Namen haben uns erschüttert; vielleicht haben sie uns nur irgendwie körperlich aufgerüttelt wie ferne Explosionen fremder Naturkräfte ... Aber sind es fremde Kräfte? Wenn wir es auch uns selber einreden könnten, wird uns eine noch kriegserregte, opferhungrige Jugend glauben, daß diese Judengestalten im blutroten Rampenlicht der Tragödie mit dem Judentum nichts zu tun hätten? Der Lärm der deutschen Katastrophe übertönt schon alle Worte, und wenn wirklich der Schwall dieser Zeiten Lücken reißt in den besten jüdischen Nachwuchs, der schon ganz unser schien, so büßten wir Älteren vor allem einen Irrtum unserer dialektischen Propaganda, den ich im Folgenden aufzeigen möchte; das Eingeständnis dieses Irrtums verringert seine Gefahr. Diese Adler, Luxemburg, Eisner, Landauer „widerlegen" natürlich keineswegs den besondern Lebenswillen des jüdischen Volkes, den wir in uns fühlen, aber sie zeigen recht anschaulich, wie auch außerhalb unserer nationalen Volksziele Juden der Opfertat, ja des Opfertodes fähig sind. Wie wir uns die Ursachen und Folgen dieser Zwischenfälle einer Tagesgeschichte vergegenwärtigen, die offenbar auch schon Weltgeschichte ist, so wird wieder klar — was wir uns selbst gern verdunkelt haben —, daß wir mit unserer nicht jüdischen Umwelt nicht nur als Leidende, Beeinflußte verflochten sind, sondern auch als Wirkende, auf deren Tat Millionen warten, wie man auf Eisners Auftakt zur deutschen Revolution gewartet hat. Diese Bemerkung ist alles eher als neu. Die bloße Erinnerung an Marx und Lassalle hätte genügen müssen, in uns das Bewußtsein lebendig zu halten, daß sich unser Volk die sozialen Kräfte seiner zwei Religionsstifter, und der Propheten zwischen ihnen, durch zwei Jahrtausende unvermindert bewahrt hat — und was sind auch zwei oder drei Jahrtausende am Alter der Menschheit gemessen? Sehr besondere Gründe haben es bewirkt, unsern Blick, den Blick einer doch schon bewußt jüdischen Generation von dieser fundamentalen Tatsache der jüdischen Weltexistenz abzulenken. Zunächst der Wille dieser jüdischen Weltspieler selbst. So waren die Begründer der Sozialdemokratie keine bewußten Juden, und das gilt mehr oder minder wohl auch für die späteren Führer jüdischen Blutes, wie Viktor Adler, Austerlitz, Bernstein, Cohen . . . Die Sozialisten selbst taten alles, die Stärke dieses jüdischen Kontingents und seiner Initiative nicht klar hervortreten zulassen. Dazu kam als neues täuschendes Moment die offenbare Arterienverkalkung des offiziellen Sozialismus, die seine Internationale unter den Stößen des* Krieges zerbrechen ließ und sich nun von Land zu Land in tödlichen Herzkrämpfen äußert. Marx und Lassalle konnten uns also leicht als Episoden erscheinen, als zufällige Kreuzungspunkte jüdischer Seelenstärke, Seelengeschichte mit europäischen Lebenslinien. Das Nationaljudentum hier im Westen schmeichelte sich schon, den Hauptström jüdischer Tatkraft in seine Talfurche gelenkt zu haben. Man konnte bei uns solche Heft 4. 10