Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und der polnische Aufstand 1863
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 141 (sequence 10)
- Language
- German
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Die Juden und der polnische Aufstand 1863 141 hallen usw., welche Projekte es dem Vertreter der Nationalregierung vorzulegen hatte. Es sollte aus 15 Mitgliedern bestehen, deren Vorsitzender und Vizepräsident vom Kommissär der Nationalregierung bestätigt werden mußten. Ihm hatte es allmonatlich einen Tätigkeitsbericht abzuliefern. Die Verwaltungsmitglieder sollten irgendwelche soziale Stellung einnehmen, um einflußreich wirken zu können. Was den innern Bestand des Komitees anbetrifft, so werden die Agenden aller Funktionäre aufs genaueste bestimmt. Insbesondere wird betont, daß an der Spitze ein Jude und ein Christ stehen müssen; ist der Vorsitzende ein Jude, so muß sein Stellvertreter ein Christ sein und umgekehrt, um auf diese Weise das Gleichheitsprinzip zu verwirklichen, doch abgesehen von dieser Organisationsform ist ein jedes Mitglied verpflichtet, zur Hebung der Brüderlichkeit beizutragen und alle ihm in diesem Sinne übertragenen Agenden zu vollführen, kurzum überall im Geiste der Vaterlandsliebe zu wirken, selbst mit Aufopferung seiner Privatangelegenheiten, wo es sich um nationale Angelegenheiten handelt.*) In allen galizischen Städten sollten ähnliche aus Christen und Juden zusammengesetzte Komitees unter Aufsicht der Nationalregierung gegründet werden. Wir sehen, daß die Nationalregierung alles unternahm, um auch in Galizien den Polonisierungsprozeß unter den Juden in Tat umzusetzen. Aber umsonst war ihre Mühe, denn abgesehen von dem kleinen Häuflein der jüdischen Akademiker stand die große Volksmasse der Juden fern von der polnischen Nationalbewegung, die ihr so gut wie fremd erschien. Von galizischen Juden begaben sich gezählte Personen auf den Kampfplatz. Die Polonisierungstendenzen der Nationalregierung blieben eben papierene Projekte, die auf das wirkliche Leben gar keinen Einfluß ausübten. Inzwischen tobte in Kongreßpolen der Kampf, die Nationalregierung begegnete überall Hindernissen, keine der Volksklassen, weder Bauern noch Juden, hatte die von ihr erhoffte Mithilfe geleistet. Auf die Judenheit zu wirken, versuchten auch außerhalb Polens stehende Kreise. Abgesehen von der deutschen Judenheit**), die gegen die Beteiligung der Juden am Aufstande auftrat und ihrerseits eine loyale Haltung Rußland gegenüber verlangte, hatte nur die französische und englische Judenheit eine den Nationalpolen sympathische Stellung eingenommen. In der jüdischen Presse Frankreichs wurden Artikel zu Gunsten der Polonisierungsidee und der jüdischen Mithilfe am Aufstande geschrieben, freilich nur unter dem Gesichtswinkel der französischen Politik Polen gegenüber.***) In England fanden Sympathiekundgebungen für die polnischen Juden statt, die sie zum Kampfe um Polens Freiheit und gegen den Zarismus aneifern sollten. So erklärte bei einem Meeting der jüdische Parlamentarier Francis Goldsmid, die polnischen Juden seien verpflichtet, sich an der Nationalbewegung zu beteiligen, t) Der Londoner Rothschild erklärte: „que les juifs russes soient Russes, rien de mieux, mais que le juifs polonais rivalisent avec les martyres polonais, rien de mieux encore."+t) *) Daselbst § 22. **) Das angesehenste deutsch-jüdische Blatt, die von L. Philippson herausgegebene „Allgemeine Zeitung des Judentums" betonte, daß der Aufstand den Juden zur Erlangung der Emanzipation nicht helfen werde, eher Rußland, dem sich die Juden anschließen sollen, weil die Polen sicherlich wie im Aufstande vom Jahre 1831 handeln. Da heißt es: „Der Sieg der Aufständischen bietet den Juden nicht die kleinste Bürgschaft mehr, daß sie zu einer bürgerlichen Stellung und billigen Behandlung kommen werden." (Im Artikel: „Das Verhältnis der polnischen Juden zum Aufstande", Jahrg. 1863, S. 141—142.) ***) Archives israelites, Jahrg. 1861 —1863. f) Das. Jahrg. 1863, S. 592. ff) In einem Briefe das.