Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und der polnische Aufstand 1863
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 140 (sequence 9)
- Language
- German
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N. M. Gelber: seinem König und Fürsten; der Pole führt glatte Reden, sein Inneres aber birgt nur Unaufrichtigkeiten" *). Die Maskilim traten gegen die Polen auf, und ähnliche Stimmen wie Kohen-Zedek hörte man auch in der bedeutendsten hebräischen Zeitung dieser Zeit, dem Hamagid, der in Galizien sehr stark verbreitet war und dessen Anschauungen von nicht geringem Einflüsse auf die galizischen Maskilim waren. So schreibt David Gordon**) am 19, März, die polnisch gesinnten Juden verlangten von den Volksmassen offenbar eine direkte Teilnahme. Dies aber dürfe man von den Juden nicht verlangen, denn sie könnten nicht gegen die Regierung auftreten. Freilich nähmen einzelne Juden am Aufstande teil, ihr Verschulden aber treffe keineswegs die Judenmassen***)» Die Warschauer Nationalregierung suchte nun die polenfeindlichen Gesinnungen der galizischen Juden durch diesbezügliche Maßregeln umzustimmen. Sie wußte ja, daß dies die Polen selbst in Galizien infolge ihres Auftretens verursachten, und nun forderte sie durch ihren Vertreter in einem Aufrufet) auf, daß die Kaufleute, Apotheker und Handwerker jüdische Gehilfen aufnehmen sollten. Die Handwerker sollten für das friedliche Zusammenleben der Gehilfen sorgen. Ferner wird den Theaterdirektoren anempfohlen, aus ihrem Repertoire alle Stücke zu streichen, die irgendwie die Juden verspotten. So suchte die Nationalregierung in Galizien einer judenfreundlichen Stimmung Raum zu schaffen, um die Juden zu gewinnen. Radikalere Maßregeln zur Realisierung der polnisch-jüdischen Verbrüderung in Galizien sah sie im Projekt des Hauptmanns Jelitaff), das sie auch akzeptierte. Nach diesem Projekt sollte in Galizien eine jüdisch-christliche Organisation geschaffen werden, deren Zweck die Vereinigung der Polen mosaischer Konfession mit der polnisch-christlichen Bevölkerung sein sollte. Einen wesentlichen Bestandteil dieses Programms sollte auch die Veredelung der den Handelspekulationen ergebenen Juden ausmachen, um sie der Zivilisation und dem bürgerlichen Leben zuführen zu können. Den Grundstock dieser Organisation bildete das Komitee der brüderlichen Hilfe zwischen christlichen und jüdischen Polen (komitet bratniej pomocy mi^dzy Polakami chizescijanami a Zydami). Ausgehend vom oben erwähnten Hauptprinzip sollte das genannte Komitee alle Vorurteile der Polen gegen die Juden aufzuheben und Liebe zur bürgerlichen Tätigkeit fürs Volkswohl zu verbreiten suchen. Seine eigentliche Mission bestand in der Organisierung humanitärer Arbeiten und der Konsolidierung der beiden Volksstämme zu einer gesunden einheitlichen Gesellschaft. Das Komitee umfaßt in seinem Arbeitsrahmen die Gründung von Schulen, Leihklassen, Lese- *) Hamewasser, Jahrg. 1863, Nr. 7. **) Der polnische Aufstand hatte in Gordon geradezu eine innere Revolution hervorgerufen. Während des Aufstands wurde die Redaktion des Hamagid mit Fragen von Seiten der polnischen Juden, wie sie sich verhalten sollen, überflutet. Der Herausgeber Silbermann antwortete kurz, sie sollten Rußland treu bleiben. Gordon faßte aber den Kern der Sache tiefer auf. „Ein neues Problem begann mich zu beschäftigen — teilt Gordon einem hebräischen Schriftsteller mit — das Problem des Golus der jüdischen Seele, die seit ihrer Entwurzelung von ihrem Heimatboden zum Diener fremder Gefühle geworden ist. Ich begann darüber nachzudenken und kam zur Überzeugung, daß das Golus der Seele mit dem Golus des Körpers eins ist und es nur einen Ausweg gibt, die Rückkehr der Söhne zu ihrer Mutter." (Mitgeteilt von S. L. Zitron im Haolam, Jahrg. 1912, Nr. 1/2.) So ist Gordon zum*jüdischen Nationalismus gekommen. ***) Hamagid, Jahrg. 1863, Nr. 12 (Leitartikel „Hegjone Hamagid"). f) Abgedruckt im Zbiör materyal6w Bd. III, Nr. 704. ff) Abgedruckt das. Bd. III, Nr. 140, S. 202—205.