Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und der polnische Aufstand 1863
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 142 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101153-3104317--3200-3104373- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
142 N. M. Gelber: Die Juden und der polnische Aufstand 1863 Freilich sind in alle dem Anregungen der in der Emigration lebenden polnischen Juden nicht zu leugnen, die alles aufzuwenden suchten, um ihre Brüder zur Teilnahme am Aufstande zu bewegen. In Polen befand sich der Aufstand schon in der Agonie, die noch standhaltenden Scharen der heldenmütigeir Aufständischen verteidigten mit letztem Kräfteauf wand ihre Volksfreiheit, wurden aber auf Schritt und Tritt von ihren Volksbrüdern, den Bauern, verraten. Unter solchen Umständen konnte man von dem fremden, anders gearteten Volke, den Juden, keine direkte Kampfbeteiligung erwarten, um so mehr als die Volksmassen schon die schädlichen Einwirkungen des Polonisierungsprozesses an ihrem eigenen Leibe zu spüren begannen. Die jüdische Intelligenz, die sich infolge der letzten Ereignisse an die Polen assimilierte, begann sich allmählich von ihrem Volksstamme abzuwenden und geradezu mit Abscheu an ihn zu denken. Der Entjudungsprozeß hatte in diesen Kreisen auf dem Wege der Taufe in recht starkem Umfange Wurzel gefaßt. In dieser Zeit regten sich auch in der polnischen Gesellschaft selbst Tendenzen, die zu einer vollständigen Polonisierung unter Aufgabe der jüdischen Religion hinstrebten, war ja der Katholizismus die motorische Kraft des Aufstands, der in dem Russen auch Andersgläubige sah*). Besonders scheinen diese Tendenzen in der Emigration und in der Geistlichkeit mächtig geworden zu sein. Charakteristisch für diese Strömung ist die Predigt des polnischen Geistlichen Alexander Jelowicki, die er bei der Einweihung einer polnischen Nationalf ahne zu Paris hielt. Da, heißt es: „Freilich werden alle Juden, die Polen sind, das Marxenbild verteidigen, sobald sie es hoffnungsstrahlend auf unseren Standarten erblicken"**). Diese Worte waren nur leise Winke, die aber die Haupttendenz deutlich zum Ausdruck brachten.***) In der Tat hatte ja die Taufbewegung bei den polonisierten Juden starken Anklang gefunden. „Dans certaines grandes familles israelites polonaises on a fait assez bon march6 de la croyance. Pour obtenir les distinctions sociales on se d£judaxse", bemerkt das Organ der französischen Judenheitf), dem diese Erscheinung aufgefallen war. Überdies hatte der Polonäsierungsprozeß auf die jüdische Intelligenz geradezu judenfeindlich zu wirken begonnen. Wir wollen hier nur eine Tatsache anführen. Als in Litauen Judenhetzen stattgefunden hatten, äußerte sich ein jüdischer Nationalpole Michal Perlmutter zu seinem christlichen Freunde, den diese Erscheinung beunruhigte, folgendermaßen: „Warum bedauerst du die litauischen Juden? Sie sind niedrige Menschen, man schlägt sie noch zu wenig."tt) Diese Erscheinung ist zwar ein Einzelfall, aber es mag wohl sein, daß dieser Perlmutter typisch für eine ganze Reihe von Juden ist, die infolge ihres Polonisierungsprozesses sich geradezu verächtlich von dem jüdischen Volkstum abwandten. Wien N. M. Gelber *) W. Studnicki, Sprawa polska. Posen 1910, S. 455. **) Tygodnik katolicki, Jahrg. 1863, Beilage zu Nr. 27, ***) Ähnliche Sentenzen finden wir auch in einer interessanten Handschrift (Jagiellonische Bibliothek Krakau, Handschrift Nr. 2918): „List Chrzescijanina do Spölchrzescijan, 2yd6w i innych wiar wyznawcöw", geschrieben am 15. Oktober 1863. Der anonyme Verfasser vertritt den Standpunkt, daß die Juden sich erst durch die Annahme des Christentums vollkommen nationalisieren würden. t) Archives isra&ites 1863, S. 184. tt) Zbiör materyalöw Bd. IV, S. 148.