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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 3 · p. 139

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 3
Article
Die Juden und der polnische Aufstand 1863
Date
1919-01-01
Page
139 (sequence 8)
Language
German
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Die Juden und der polnische Aufstand 1863 139 Kinder werdet alle politischen Rechte ohne jedwede Begrenzung und Beschränkung erhalten, denn die Nationalregierung wird keinen nach Abstammung oder Glauben, sondern nur nach seinem Geburtslande — ob er Pole sei — fragen." Diese Proklamation ist, wie wir sehen, von dem Bestreben getragen, unter Hinweis auf historische Tatsachen, die in etwas ausgeschmückter Form vorgetragen werden, die Juden von der Judenfreundlichkeit Polens zu überzeugen und sie so zu veranlassen, am Kampfe um die Befreiung Polens mit der Waffe in der Hand teilzunehmen. Da die Nationalregierung von nun an immer mehr auf die Mithilfe der nicht unter Rußland stehenden polnischen Provinzen angewiesen war, begann sie auch mit Hilfe der Warschauer jüdischen Assimilationskreise eine rege Tätigkeit unter den dortigen Juden zu Gunsten des Aufstands zu entfalten. Da in Posen in der Judenheit der Germanisationsprozeß durchwegs vorherrschend gewesen ist, blieb nur noch ein Gebiet übrig: Gälizien. Hier bestanden polenfreundliche Tendenzen schon seit dem Jahre 1848, in welchem Zeiträume die Polenführer Smolka und Ziemialkowski nachdrücklich für die Gleichberechtigung der Juden eingetreten waren. Trotzdem waren noch in der jüdischen Intelligenz Galiziens germanisatorische Tendenzen vorherrschend, die allmählich um das Ende der fünfziger Jahre zu schwinden begannen, im Gegensatze zum Gros der Judenheit, das zentralistisch gesinnt war*). Als in Warschau die Verbrüderungsdemonstrationen stattfanden, tagte in Lemberg der Landtag, dessen Hauptberatung die Erledigung der Bauernfrage bildete; die Judenfrage wurde zwar berührt, aber trotz der tatkräftigen Bemühungen seitens der judenfreundlichen Abgeordneten und des polnisch gesinnten jüdischen Abgeordneten Markus Dubs nicht erledigt. Die Warschauer Verbrüderung fand auch hier Widerhall. In begeisterten Reden feierten Dubs und Ziemialkowski die Judenfreundlichheit Polens, weil „Gott wollte, daß Polen für die Juden ein Vaterland werden soll"**). Unter dem Eindrucke der Warschauer Ereignisse schlössen sich die polnisch gesinnten Juden der geheimen nationalen Organisation an und bestrebten sich, die Polonisierungstendenzen immer mehr unter den Juden zu stärken. Ein hervorragender Vertreter dieser Richtung war Philipp Zucker, der zusammen mit anderen Nationalpolen die akademische Jugend organisierte***), um die Lieferungen von Uniformen und Waffen nach Kongreßpolen zu ermöglichen. In Krakau arbeiteten Dr. Drobner und Bienenfeld im Auftrag der Nationalregierung und kassierten bei den Juden die Nationalsteuern eint). Als der Aufstand ausgebrochen war, zeigte sich in der galizischen Judenheit, selbst in den intelligenten Gesellschaftskreisen wenig Interesse für dessen Unterstützung. Ja man trat gegen die Tendenzen der jüdischen Polenfreunde auf und verhinderte eine direkte Teilnahme am Aufstande. Die jüdische Presse, insbesondere ihr hervorragendster Vertreter, der glänzende hebräische Publizist Josef Kohen-Zedek, trat energisch gegen den Aufstand auf. Josef Kohen-Zedek schrieb in seinem Organ „Hamewasser", die Juden würden von den Polen in Galizien bedrückt und dürften an dem Aufstande nicht teilnehmen.ft) Der junge Schriftsteller Nathan Samuely schrieb offen: „Der Jude liebt sein Vaterland, und sein Gebet gilt nur *) Die eigentliche Polonisierung der galizischen Juden begann erst um das Jahr 1877, als Bernard Goidmann den zentralistisch gesinnten Verein „Schomer Israel" zu bekämpfen und eine großzügige Agitation zu entfalten anfing. **) A. Giller, Manifestacye Warszawy r. 1861, S. 23. ***) Ziemialkowski, Pamiejniki, III. Teil, S. 28. f) Israelit, Jahrg. 1863, S. 648. tt) Hamewasser, Jahrg. 1863, Nr. 7 im Leitartikel. Damals hat der Lemberger Magistrat eine judenfeindliche Hetze betrieben.

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