Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und der polnische Aufstand 1863
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 138 (sequence 7)
- Language
- German
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138 N. M. Gelber: raubte Provinzen des ehemaligen mächtigen Polenreiches. In Polen hätten die Juden das Recht gehabt, Handel und Gewerbe zu treiben, Häuser zu bauen, und es hatte unter ihnen der Wohlstand geblüht. Erst durch die Teilungen seien sie unter drei Mächte gekommen, die sie mit vielen Abgaben und Beschränkungen belasteten. In. Kongreßpolen dauerten noch immer die sogenannten „sächsischen Gesetze" für die Juden fort. Viel schlimmer sei die Lage der Juden in Litauen und Reußen (Rus), die dreißig Jahre unter dem Joche des grausamen Nikolaus zu leiden hatten. Nicht besser habe er in Kongreßpolen mit Hilfe seines Statthalters gewirtschaftet, „der die niedrigsten Wesen, Diebe und Spione emporhob, edle Menschen aber erniedrigte". Seine Beamten unterdrückten die Juden aufs härteste. Er habe die israelitische Jugend, welche zum Militär entführt wurde, weit in die Gegenden des Kaukasus und Sibiriens verschickt, von wo selten jemand zurückkehre, er habe die sächsischen Gesetze samt vielen Beschränkungen im Handel und Gewerbe beibehalten. Dies alles habe nach seinem Tode Alexander übernommen, der trotz seines Scheinliberalismus von den Unterdrückungen nicht ablassen könne. Vor zwei Jahren (1861) habe das polnische Volk gegen diese unmenschliche Unbill Rußlands protestiert und Refoimforderungen aufgestellt. „Eine der wichtigsten Forderungen — heißt es im Aufruf — bildete die vollständige Gleichberechtigung der Juden. Die moskowitische Regierung erschrak darob, gab teilweise nach und beeilte sich, die Juden zu emanzipieren, um sich die Initiative zuschreiben zu können. Nur der Blinde sieht es nicht, daß ihr diese „Gesetzesbrocken" nur dank unserer Adresse vom Jahre 1861 erhalten habt. Den besten Beweis liefern uns Litauen und Reußen, die noch bis heute von Rußland keine Linderung erfuhren." Mit einem Worte, Rußland habe immer im Gegensatze zu Polen die Juden unterdrückt. Nach diesem kurzen historischen Überblicke kommt die Nationalregierung auf den Aufstand zu sprechen. „Brüder Israeliten! Bekannt ist euch ja die Lage des Landes. Wir haben einen Krieg begonnen gegen die verächtliche Gewaltherrschaft in Polen, Litauen und Reußen. Unser Feind sieht und spürt es, daß Polen noch nicht verloren ist, er sieht und fühlt, daß das polnische Volk zur Freiheit geschaffen ist. Die ganze Welt jubelt uns zu, unterstützt unsere Volkssache. Einstimmig erklärt sie, daß wir, die im Rechte Stehenden, von Moskau gemein, widerrechtlich verfolgt und geplagt werden. Wir hoffen, daß Gott uns beistehen wird, den Feind aus dem Lande zu vertreiben und Polen die alten Grenzen wiederzugeben. . . Und nun Brüder Israeliten! Wir appellieren an euch mit den Worten Moses: „Eure Brüder gehen in den Krieg, und ihr bleibet daheim"? Sie werden also auf dem Altar des Vaterlandes ihr Blut vergießen und ihre Habe für die Kriegszwecke nicht schonen, und ihr werdet ruhig in den Städten verbleiben, ohne euch um unsere Volkssache zu kümmern? Es befinden sich zwar unter den um die Freiheit und Unabhängigkeit Kämpfenden auch eure Glaubensgenossen, jedoch in sehr kleiner Anzahl und nicht im genügenden Verhältnis zu eurer Bevölkerungszahl." Des weiteren wird auch die Neutralität des Juden getadelt, denn jetzt gelte es „zu eilen zu den Verteidigern unserer Sache und ihre Zahl zu vergrößern". Die Juden sollten nicht Rußland fürchten, seien sie doch ein Freiheitsvolk gewesen, hätten doch ihre Helden, die Makkabäer, ihr Volk gegen den Tyrannen Antiochus verteidigt. „Erwachet, eilet und greifet zur Tat, wer waffenfähig, helfe den Kämpfenden, wer schwach, unterstütze sie mit Geld. Und es wird geschehen, daß wir mit Gottes Hilfe unser Land von der moskowitischen Sklaverei befreien und gemeinsam die Früchte unseres reichen Bodens genießen werden. Ihr, sowie eure