Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und der polnische Aufstand 1863
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 136 (sequence 5)
- Language
- German
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- Kalisz 1× ep/1002366
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136 N. M. Gelber: hatten die Juden eine zweideutige Stellung einnehmen müssen. Während der Wilnaer Rabbiner Schloßberg für Rußland eintrat, standen die Judenmassen scheinbar auf Rußlands Seite, im geheimen aber unterstützten sie die Aufständischen*). Auch jüdische Frauen sympathisierten mit dem Aufstande. So überreichten die polnisch gesinnten Jüdinnen in Kalisz den Aufständischen eine polnische Fahne mit der Inschrift: „Den tapferen Brüdern geweiht von den Polinnen-Jüdinnen, Kalisz 1863"**). Trotz der judenfreundlichen Tendenzen der Nationalregierung beherrschte die meisten Scharen der Aufständischen ein heftiger Judenhaß. Aus zeitgenössischen Berichten ersehen wir, welches Unheil die Juden in den Kleinstädten, sobald diese von den Aufständischen erobert wurden, zu ertragen hatten. Während ihres Siegesjubels vergaßen die Aufständischen zumeist die in ihren Proklamationen betonte Judenfreundlichkeit und sahen im Juden ein sozial niedrigstehendes Wesen, das nur Hohn verdiente. Eine Zeitgenossin schildert in ihren Memoiren diese Zustände in folgenden Worten: „Die Lage der Polen war schlecht und sie mußten um ihr eigenes Wohl Sorge tragen, trotzdem aber verging kein Tag, an dem sie unser Volk (die Juden) nicht unterdrückten. In den großen Städten war das Unglück viel kleiner, weil es Schutz gab, dagegen in den kleinen litauischen Städtchen und Dörfern richteten sie die Juden zugrunde." ***) In Litauen kam es zu derartigen Judenschlägereien seitens der Aufständischen, daß die Juden voll Besorgnis um ihre Existenz waren und die Leiter der polnischen Emigration in Paris aufmerksam machten, ihren Einfluß auf die Aufständischen zugunsten der Juden auszuüben!). In anderen Provinzen mordeten die Führer der Aufständischen viele Juden unter dem Vorwande, daß sie Rußland Spionendienste leisteten. So töteten sie in W^chock alle Juden, in Lipa ließ der Hauptmann Wisniewski eine große Anzahl von Juden aufhängenff). Gefahrvoller gestaltete sich für die Juden der Aufstand in Podolien, wo er zumeist adelige Mitglieder zählte. Sobald nur Aufständische in eine Stadt kamen, begannen sie sogleich die Juden zu verfolgen. „In der Stadt herrschte unter den Juden Furcht. Sobald ein Jude einem Aufständischen auf der Straße begegnete — erzählt ein Augenzeuge — mußte er sogleich seine Mütze abnehmen und sich ehrfurchtsvoll vor ihm verneigen, vor einem Offizier aber sich zur Erde bücken. Fiel dieser Gruß aber nicht zum Wohlgefallen eines Szlachzizen aus, dann schleppte er den Juden am Bart zum Hauptmann. Hier wurde der Jude ausgelacht, man trieb mit ihm Possen, schlug ihn und riß ihn am Bart. Alsdann mußte er einen Eid leisten, daß er der polnischen Nationalregierung treu sein werde" fff). In den Aufständischen lebten noch die alten Szlachzizengewohnheiten fort. Trotzdem sie die Juden als ihre Brüder zu betrachten versicherten, unterließen sie es nicht, mit ihnen Possen der gemeinsten Art zu treiben. Der soeben zitierte Zeitgenosse erzählt: „Sobald man einen Juden packte, drohte man ihm mit dem Galgen. Hierauf verhöhnten sie ihn, zuletzt nahmen sie ein Seil, legten es langsam um seinen Hals und sagten ihm, er solle den „Widduj" (das Sterbebekenntnis) sprechen, *) Graf Murawjew, Memoiren (poln.) Krakau 1836, S. 315. **) Diese rote Fahne habe ich in der Lemberger Ausstellung 1913 gesehen. ***) Sara Feige Faner, Misichronoth jmej jalduthi (Aus meinen Jugenderinnerungen), Warschau 1903, S. 11—-12. f) Allgem. Ztg. des Judentums, Jg. 1863, S. 142, Anm. 2. ff) Grabiec, Jahrg. 1863, S. 260, 350. fff) Jecheskiel Kotik: Meine Sichrojnes, Bd. I, S. 325.