Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und der polnische Aufstand 1863
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 135 (sequence 4)
- Language
- German
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Die Juden und der polnische Aufstand 1863 135 Sympathie haben und hatten sie auch nicht, jedoch fürchten sie Rußland und werden nur dann gegen dasselbe auftreten, wenn sie den endgültigen Sieg auf Seite seines Gegners erblicken", bemerkt ein Mitglied der Revolutionspartei*). Das Zentralkomitee war über alle diese Regungen unter den Juden wohl informiert und suchte deshalb etwaigen Ungelegenheiten vorzubeugen. Freilich war ihm sehr daran gelegen, die Juden zu polonisieren und neue Kräfte sei es militärischer oder finanzieller Art zu gewinnen. Inzwischen breitete sich der Aufstand in fast allen Gegenden aus. Infolge der inneren Zwistigkeiten und fortwährenden Umstürze im Zentralkomitee herrschte in der Leitung des Aufstands ein unbeschreiblicher Wirrwarr. Schon im März ergab sich die Notwendigkeit, an die Spitze der Bewegung einen Diktator zu stellen. Der ausgerufene Diktator Maryan Langiewicz hatte sogleich nach seinem Amtsantritt in einer Proklamation vom 10. März die Prinzipien der Nationalregierung, somit Freiheit und Gleichheit aller Bürger anerkannt. Zur selben Zeit hatte Kronenberg nach Auflösung der Weißen Partei eine Anleihe von zwei Millionen auszuarbeiten übernommen**). Dank diesem Umstände war die Weiterführung des Aufstandes erleichtert. In der ganzen Kampfesführung gab es keine einheitliche Taktik, sondern der Aufstand glich einem an allen Punkten des Landes ausgebreiteten Guerillakrieg. Die Juden hatten in vielen Ortschaften den einzelnen Gruppen von Aufständischen große Dienste geleistet, die bei derart geführten Kämpfen von großem Nutzen gewesen sind. So waren die Juden bei Transport von Munition und Nahrung behilflich***). Viele jüdische Schenkwirte hatten bei den russischen Soldaten statt Bezahlung Patronen und Kugeln genommen, die sie den Aufständischen übergabenf). Von größerer Bedeutung für die Aufständischen waren die jüdischen Lieferanten. Einer der größten war der in England wohnhafte polnische Jude Funkenstein, der mit Hilfe eines englischen Passes als Agent der Nationalregierung, die sich nach Langiewiczs Verhaftung reorganisierte und in ihre Mitte Kronenberg als Leiter der Finanzen aufnahm ff), den einzelnen Kampfscharen Waffen übermitteltefff). In fast allen Städtchen gab es Schneider, die Uniformen lieferten, Makler, die Spionendienste zu leisten hatten. Sehr aktiv beteiligten sich die Juden im Podlasie, wo überall der Vertreter des von der Nationalregierung eingesetzten Stadthauptmanns ein Jude gewesen ist§). Auch die orthodoxen Schichten begünstigten hier stark die Revolutionsbewegung. In Litauen, wo auch der einheimischen Bevölkerung die nötige Begeisterung für den Aufstand fehlte, *) Zbiör materyaiow Bd. IV, 1. S. 90 (Z papieröw po sp. Ws. Milowiczu). **) Grabiec, Jahrg. 1863, S. 285. ***) In Warschau war im Hause des jüdischen Lieferanten Bardyawer das Magazin der Aufständischen. Dzieje r. 1863, Bd. I, S. 26. f) W 40-letnicj. rocznice., S.524. Wir wollen hier folgende Fälle zitieren: „Der Jude Mojsche Boruch wurde zum Stadthauptmannsvertreter ernannt. Der Rabbiner berief in die Synagoge eine Versammlung, wo er unter Banndrohung verbot, über das hier Geschehene mitzuteilen. Hierauf erklärte er, daß M. B. ein Amt der Nationalregierung inne habe und ihm zu gehorchen sei." Derselbe Zeitgenosse erzählt an einer anderen Stelle folgendes: Im Radzynskischen Bezirke kaufte der Jude Srul Schwarzer als Lederhändler vom russischen Hauptmann Schellin in Lublin 500 Tornister, die er dann der N.-R. verschenkte (Jan Janiewski: Zydzi na Podlasiu v. 1863 in „W czterdziestoletnia, rocznice." S. 523 — 524). Ähnliche Tatsachen teilen auch Archives israelites Jahrg. 1863 in den Korrespondenzen aus Polen mit. ff) Kronenberg erledigte seit 10. Mai 1863 die Finanzgeschäfte des „Rzaji Narodowy" in seinem Bankhause. fff) Z. m. d. h. p. II, S. 40. §) W czterdziestol. rocz. p. s. S. 523.