Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und der polnische Aufstand 1863
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 134 (sequence 3)
- Language
- German
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134 N. M. Gelber: Die Zaddikim hatten auch demgemäß Maßregeln gegen die Teilnahme der Juden ergriffen. Vor allen war es der Kalwarier Zaddik Reb Itschee Meier, der Schüler und Nachfolger des bekannten Mendel Kozker, der gegen den Aufstand wirkte. Seine Tätigkeit erbitterte die Warschauer Jugend so sehr, 'daß sie einen energischen Schritt gegen ihn beabsichtigte. Nur dank den Bemühungen des Warschauer jüdischen Gemeindesekretärs Jakob Rotwand wurden sie davon abgehalten*). Wir sehen also, welcher Gesinnung eigentlich die Volksmassen — der ausschlaggebende Faktor des damaligen jüdischen Lebens — gewesen sind. Ganz anders verhielt es sich mit den Juden in der Provinz. Hier gab es keine Richtschnur, die für die politisch-nationale Stellung maßgebend wäre, hier stimmte man jenem bei, auf dessen Seite die stärkere Gewalt war. Wir hören zwar von freudigen Empfängen der Aufständischen durch die Juden der kleinen Städte. Es ist aber nicht sicher, ob sie in der Tat ihrer innersten Überzeugung entsprungen und als ihre Zustimmung zur Polonisierung aufzufassen sind. So sind die Aufständischen sogleich am 26. Januar in Biala von den Juden unter Ovationen begrüßt worden. Die Juden bildeten hier eine Art Nationalgarde mit dreifarbigen Kokarden an ihren Mützen. Am 27. las der Führer der Aufständischen Roginski die Manifeste der provisorischen Regierung vor. Hierauf veranstalteten die Juden in der Synagoge einen Gottesdienst, zu dem sie Roginski einluden. Daselbst leisteten sie der Nationalregierung den Eid der Treue**). Als Roginski an die Bildung eines Verwaltungskörpers für diesen Bezirk ging, beabsichtigte er auch ein jüdisches Mitglied zu bestimmen. - Einer ganz anderen Stimmung begegnen wir in Sandomierz, welches die Aufständischen unter Rayskis Führung am 9. Februar verlassen und der russische Hauptmann Mednikow eingenommen hatte. Die Juden empfingen ihn mit Brot und Salz und dankten ihm, daß er sie von den Aufständischen befreit habe***). Wir sehen, wie verschieden die Stimmungf) unter den Juden war. Es ist leicht möglich, daß sie den Aufständischen nicht geneigt waren, weil die letzteren, Mangel an den allernötigsten Bedarfsmitteln leidend, sich gezwungen sahen, Kontributionen aufzuerlegen ff) und Nahrungsmittel wegzunehmen. Von einer feindlichen Gesinnung der Juden gegen die Polen aber kann man ebenso wenig sprechen wie von ihrer großen Loyalität zu Rußland. Die harte Lebensnotwendigkeit entschied ihre politische Richtschnur; wer mehr Macht in seiner Hand innehatte, war für den Juden der. ausschlaggebende Faktor. „Für die russische Regierung, die sie im Zustand der Verachtung und Unterdrückung hielt, konnten sie keine Napoleon III. Er meinte, sobald die Russen von den Polen geschwächt seien, würde Napoleon an der Spitze seines Heeres in Rußland einziehen und den Polen helfen, ihr Reich zu errichten» Dieser Chassid komponierte sogar drei Märsche, einen zum Andenken an die Stunde, da der Zar den Übergabeakt der polnischen Länder an die Polen unterfertigen und das polnische Heer unter Jubelklängen in Warschau einziehen würde, den zweiten zur Begleitung der französischen Hilfstruppen in ihre Heimat; der dritte Marsch aber war der Krönungsfeier des polnischen Königs und der neuen Konstitution gewidmet" (Chaskiel Kotik, Mane Sichrojnes [jiddisch] Warschau 1913, Teil 1, S. 137—138, die Noten der zitierten'Märsche S. 139—140). Solche Typen, die in ihren Hoffnungen auf Polens Befreiung sogar den radikalsten Revolutionären ähnelten, waren aber unter den Juden und besonders unter den Chassidim nur vereinzelt zu finden. *) Kwartalnik poswi^cony badaniu przeszlosci Zydow w Polsce (Miscellanea), H 1, S. 36. **) Z pami^tnika Romana, Krakau 1898, S. 63—64. ' ***) N. Berg, Bd. II, S. 456. f) Charakteristisch ist eine diesbezügliche Äußerung aus jenen Tagen: „Dans la guerre gue la Pologne avait a soutenir contre la Russie les Juifs etaient ou indifferents ou hostiles ä la population, qui les accablait, humiliait et miprisait". (Archives israelites Jg. 1863, S. 539)- ff) So legten sie z. B. in Tomaszöw den Juden 2000Rubel auf (Dzieje r. 1863, Bd. I, S.216).