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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 3 · p. 133

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 3
Article
Die Juden und der polnische Aufstand 1863
Date
1919-01-01
Page
133 (sequence 2)
Language
German
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Die Juden und der polnische Aufstand 1863 133 Schon in seinem ersten Aufruf an das polnische Volk (vom 22. Januar) betonte das Zentralkomitee als derzeitige Nationalregierung sein freiheitliches Programm, das keinen Unterschied im Glauben kenne. Seine Vertreter erklärten ausdrücklich, daß das Zentralkomitee schon mit dem Beginn des Freiheitskampfes alle Söhne Polens ohne Unterschied des Standes und der Religion als freie Bürger anerkenne. Somit war ja die Lösung der Judenfrage als vollzogen zu betrachten. Diese Proklamation, die den Polen eine große Anzahl neuer Bürger zuführen sollte, bezog sich nicht nur auf das eigentliche Gebiet des Aufstands — Kongreßpolen, sondern wurde auch in allen Provinzen, die jemals einen Bestandteil des alten Polenreiches vor dem J. 1772 ausgemacht hatten, kundgetan*).' Freilich hatte das Zentralkomitee formell alles getan zu haben geglaubt, um den Assimilierungsprozeß der Juden als entschieden zu betrachten. Nun wollen wir das Verhältnis der Juden zu dem begonnenen Aufstande untersuchen. Selbst die Intelligenz war in ihren Anschauungen geteilt. Der größte Teil befand sich im Lager der dem Aufstande feindlich gesinnten Partei der Weißen. Obwohl diese Partei in der Judenfrage sich an das Programm des Agrarvereins anschloß, hatte sie in ihre Mitte Juden aufgenommen und sogar in ihren Verwaltungskörper den jüdischen Bankier Leopold Kronenberg gewählt. Kronenberg ist auch als Führer der im Lager der Weißen vereinigten Juden zu betrachten. Er hatte hier eine ungeheure Tätigkeit zur Verhütung des Aufstandes, den er als Katastrophe bezeichnete, entfaltet**). Nach seiner Ansicht sollte man bei den Russen größere nationale Reformen durchsetzen, aber nicht im Wege des bewaffneten Aufstandes. Im Lager der eigentlichen Revolutionspartei stand nur ein kleiner Teil der jüdischen Intelligenz, die nun im Sinne des Zentralkomitees zu wirken begann. Man sprach sogar von einem „rz^d polsko-zydowski" (polnisch-jüdische Regierung), der der provisorischen Nationalregierung unterworfen war und unter Meisels' Leitung stand***); viele darunter nahmen tatkräftigen Anteil am Zentralkomiteef). Es war dies nun die Fortsetzung des zu Ende des J. 1862 von Meiseis eingesetzten jüdischen Komitees, So sehen wir, daß es selbst in der Intelligenz grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten gab, die einem einheitlichen Vorgehen im Wege standen. Kein Wunder also, daß die Volksmassen beim Ausbruch deö Aufstandes eine zweideutige Stellung annahmen. Die orthodoxen, vornehmlich die chassidischen Volksschichten traten mit aller Energie gegen den Aufstand auf. Ihnen war ja die ganze politische Richtung, in der sie nur den Untergang des Judentums sahen, verhaßt. Nicht Furcht oder Kriecherei vor den Russen waren es, die sie von der polnischen Nationalbewegung fern hieltenft), sondern viel tiefere Motive. Diese Volksschichten hatten zu dieser Zeit mit ihrem gesunden Volksinstinkt die Tragweite des Polonisierungsprozesses ermessen und den starken katholisch-klerikalen Charakter des Aufstandes, der überhaupt in der Nationalbewegung vorherrschend war, für die Juden als vernichtend erkanntftt)« *) So erläßt es einen Aufruf am 7. Febr. an die österreichischen und preußischen Polen. S. Zbior materyalow do historyi powstania, Bd. I, S. 42. **) Z. S. JL Dzieje 1863 roku, Krakau 1897, Bd. I, S. 11. **) W czterdziestoletnia. rocznice. powstania styczniowego, Lemberg 1903, S. 523. f) Zbior materyaiow, Bd. IV, S, 67. Zpapieröw po sp. Wtodz, Milowiczu. tf) Wie es alle polnischen Historiker oder selbst jüdische assimilatorische Polen annehmen, fff) Unter den Chassidim gab es auch einzelne, die polenfreundlich gesinnt waren. So schildert uns ein Zeitgenosse, der in dieser Volksschicht aufgewachsen ist, einen solchen Typus. „Der Chassid Jisruel — erzählt der betreffende Memoirenschreiber — war ein begeisterter Pole, der den polnischen Aufstand sehr optimistisch beurteilte. Er war überzeugt, daß Polen jetzt ein großes Reich würde. Seine ganze Hoffnung auf Polens Befreiung war

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