Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Grundlagen der jüdischen Schule in Palästina
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 130 (sequence 12)
- Language
- German
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130 Oskar Epstein: als Mensch, demnach auch nicht als Arzt handeln, er mußte die von ihm vertretene Wissenschaft zu einem Zerrbilde machen. Dieser einzelne Fall zeigt wie tausend andere ebenso gut, daß der Einzelne die Kette der Materie nicht zu zerbrechen vermag. Nur die Gemeinschaft kann es, wenn sie sich dieser ihrer Aufgabe vollkommen bewußt ist. Die Forderung, die sich aus ihr für>die Hochschule ergibt, ist die: Für das Leben der Gemeinschaft hat das, was die höchsten Vertreter seines Geistes als notwendig festgestellt haben, bindend zu sein. Auch das entspricht der Überlieferung unseres Volkes. Seine Weisen haben niemals das von irgendeinem Mächtigen erlassene Gesetz verteidigt und gedeutet wie die heutigen Rechtsgelehrten, sondern sie haben dieses Gesetz samt seinen Grundlagen im.Sinne des Volksgeistes geschaffen. Sie sollen auch feststellen, ob das Verhalten der eigenen Gemeinschaft zu anderen Gemeinschaften gerecht ist, und wir sollen nie von ihnen verlangen, daß sie die Gerechtigkeit dieses Verhaltens beweisen, wenn sie es für ungerecht halten. Und sie sollen auch, um auf das frühere Beispiel zu kommen, mit zu entscheiden haben, wie die Lebenseinrichtungen in jeder Hinsicht beschaffen sein müssen, damit es jedem Arzte möglich werde, den Hilfsbedürftigsten die größte Hilfe zu bieten. Wir brauchen wohl die Anwendung dieser Auffassung auf andere akademische Berufe nicht weiter auszuführen, um verstanden zu werden. In großen Zügen wird sich jeder wohl auch ausmalen können, welch verändertes Aussehen der Hochschulbetrieb durch diese veränderte Auffassung des akademischen Berufes erhalten muß. Weisheit und Macht werden eins. VIII. Die Grundlagen einer jüdischen Schule in Palästina, die wir bisher auseinandergesetzt haben, sind durch nichts auf der Welt als möglich zu erweisen. Mit ihnen treten wir aus der Welt der kleinen, fremden Sicherheiten in das dunkle Tor der jüdischen Zukunft. Wer da nicht den Glauben mitbringt, der aus dem Felsen Wasser sprudeln läßt, ohne auf den Felsen zu schlagen, ist verloren. Und solcher Glaube kann nur durch eines gewonnen werden: durch das Bewußtsein der unbedingten Notwendigkeit. Darum können diese Ausführungen nicht für den fruchtbar werden, der zustimmt, einfach weil er dieses gelesen hat und es ihm schön vorkommt, sich die Welt so vorzustellen. Wohl aber werden sie für den fruchtbar sein, der durch sie angeregt oder auch ohne sie den Mut hat, die Weiterentwicklung der alten Welt, die wir hell und klar vor uns sehen, für Palästina zu Ende zu denken. Dann muß er sehen, daß diese Weiterentwicklung auch praktisch unmöglich ist und daß wir den Worten Hoseas folgen müssen, der sagt: „Brechet euch einen Neubruch; es ist die Zeit, Jahwe zu suchen." Wollen wir eine Schule, die der gleicht, welche der Kastengliederung entsprungen ist, dann müssen wir auch jene Kastengliederung selbst wollen, deren Eigenart, wie wir sagten, besonders dadurch gekennzeichnet ist, daß sie der wichtigste Ansporn zur Arbeit ist. Diese Kastengliederung ist für Juden dadurch unmöglich, daß ihnen jene Fähigkeit der Einfügung fehlt, die auf das Bewußtsein metaphysischer Tragik und die Ehrfurcht vor der Wirklichkeit zurückgeht, von denen wir früher gesprochen haben. Wir haben bei jener Gelegenheit gesagt, daß wir auf diesen Gegensatz zu unserer Umwelt stolz sind, und wir müssen es unseren Feinden danken, daß sie uns auf diesen Kern unserer Eigenart aufmerksam gemacht haben, wenn sie es auch nur taten, um uns zu schmähen.