Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Grundlagen der jüdischen Schule in Palästina
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 129 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101153-3104316--3185-3104360- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Grundlagen der jüdischen Schule in Palästina 129 und dürfen dabei nicht außer Acht lassen, daß es wohl einen Sinn hat, wenn gerade der größte der Propheten, Moses, in der Überlieferung immer unser Lehrer heißt. Die Propheten müßten das Vorbild unserer höchsten Lehrer sein. Aber auch aus der Gegenwart sollten wir jene Propheten verstehen. Denn heute, sehen wir, daß der Lehrer nicht irgendwie eine Geistigkeit neben der Macht vertreten kann, sondern wenn er die Macht nicht führt, dann wird er von der Macht geführt. Die Hochschulen Europas boten in diesem Kriege einen so furchtbar traurigen Beweis dafür, daß man sich von ihm zu reden schämt. Wer aber nicht erst der grellen Beleuchtung dieses Krieges bedurfte, um unsre Welt in ihrem wahren Lichte zu erblicken, mußte die vollkommene Knechtung des Geistes an den Hochschulen durch die materielle Macht schon im Frieden sehen und. ihn konnte das geistige Panorama des Weltkrieges nicht überraschen. Zur Veranschaulichung dieser Behauptung will ich auf Verhältnisse im Ärztestand hinweisen, die jedermann bekannt sind und die uns zugleich belehren können, wie sich die Herrschaft der Materie über den Geist, die wir in unserer Gemeinschaft vermeiden wollen, in der Wirklichkeit äußert. Ich schicke voraus, daß es mir durchaus fernliegt, den Ärztestand als solchen irgendwie anzugreifen oder herabzusetzen. Denn ich könnte dasselbe von jedem anderen sogenannten akademischen Berufe sagen. Nur reden die Mißstände in der Heilkunde eine besonders beredte Sprache, weil die Erhaltung der menschlichen Gesundheit, welche sie sich zur Aufgabe setzt, etwas ist, dessen Wichtigkeit jedermann einsieht. Ich wurde vor einiger Zeit gebeten, für einen schwerkranken, alten Schulmann zu einem Universitätsprofessor um ärztliche Hilfe zu fahren. Die erste Frage des Herrn Universitätsprofessors war: „Sind Sie mit dem Honorar von 700 Kronen einverstanden?" Obwohl mir diese Art, die Wissenschaft zu betreiben, wohlbekannt war, ging mir ein Schauer durch den Leib. Menschen von solcher Seeienverfassung, sagte ich mir, sollen wir das Schicksal unseres Lebens anvertrauen! Und ich verstand, daß das Volk sich in erschreckendem Ausmaße lieber der Heilkunde der Gesundbeter, Pfarrer und anderer ausliefert. Es wird eben vor allem von der Erkenntnis beherrscht, daß die Heilkunde ebenso wie die Rechtsprechung, die Erziehung usw. nicht eine Sache der Technik, sondern die des gesamten, vom Geiste beherrschten Menschen sein muß. Weil wir nicht wollen können, daß auch unser Volk lieber zu Gesundbetern als zu solchen geht, die ihr ganzes Sein in den Willen eingetan haben, durch die Pflege des menschlichen Leibes den ganzen Menschen fähig zu machen, Gott durch sein Leben zu verherrlichen, müssen wir dafür sorgen, daß unsere Hochschulen eben solche Menschen schaffen und daß es sich mit den anderen Wissenschaften ebenso verhalte. Aber wiederum müssen wir uns vor nichts so hüten wie vor Nachahmung. Denn dem Universitätsprofessor steht der Krankenkassenarzt gegenüber, der auch jedem Armen helfen muß. Aber wie tut er es? Man kann eben auch die wahre Hilfsbereitschaft, die der suveräne Geist mit unerbittlicher Strenge befiehlt, auch nicht im geringsten dekretieren. Auch durch Predigen oder Überreden ist sie nicht zu erreichen. Man darf ja nicht vergessen, daß der Universitätsprofessor, von dem ich sprach, nichts weniger als ein Bösewicht war. Hätte er in meinem Falle und in ähnlichen Fällen nicht als Angehöriger einer Kaste, sondern als Mensch gehandelt, so hätte er bald die von seinem Berufe geforderte Lebensführung nicht bestreiten können, und wäre er schon genügend stark gewesen, auf sie zu verzichten, so hätte er sich in der Gesellschaft, auf 16 er auch praktisch angewiesen war, ganz entwurzelt. Er konnte also nicht Hett 3. n