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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 3 · p. 128

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 3
Article
Die Grundlagen der jüdischen Schule in Palästina
Date
1919-01-01
Page
128 (sequence 10)
Language
German
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128 Oskar Epstein: Wird Führerschaft nicht mehr rohe Gewalt und Dünkel, sondern Leitung durch den Geist und tiefernste Verantwortung bedeuten, dann wird sich die Auswahl der Berufenen durch die eigene Krafterprobung und nicht mehr durch irgend eine künstliche Siebung vollziehen. In dieser Beziehung scheint es mir klar zu sein, daß die Siebung nach dem Stand der Eltern nicht sinnwidriger ist als die durch Prüfungen. Jeder, der darüber einige Erfahrung besitzt, wird aussagen, daß die Fähigkeit, Prüfungen abzulegen, zwar von der Güte des willkürlichen Gedächtnisses und von der Fähigkeit für willkürliche Einseitigkeit abhängt, nicht aber von der Reife des Geistes. Die Fähigkeit, eine Verantwortung zu übernehmen, kann eben nur der beurteilen, der sie selbst übernehmen soll. Manchmal ist diese Erkenntnis auch den größten Vertretern derjenigen Völker aufgedämmert, die in der Wirklichkeit ein solches Vertrauen zum Menschen doch nicht kennen. So heißt es von einem andern Ausgangspunkte aus in den Gesprächen Goethes mit Eckermann von der Leitung eines Menschen durch einen andern: „Es ist mit dem Ratgeben ein eigenes Ding..... Im Grunde ist es von dem, der ihn gibt, eine Anmaßung. Man soll nur Rat geben in Dingen, in denen man selber mitwirken will." Und da sollte man auf Grund der schon gekennzeichneten Prüfungen jungen Menschen nicht nur den Rat geben, Führer oder Geführter zu sein, sondern sie geradezu zu einer dieser Rollen zwingen? Da kann sich denn auch nichts anderes ergeben als rohe Gewalt und Dünkel statt Führung. Daß daneben wahre Führung nicht aufkommen kann, ist wohl klar. Und wahre Führung, Führung durch den Geist, ist die Bewährung und das Lebenselement des Geistes. In diesem Sinne fordern wir die Abschaffung aller Zeugnisse und Klassifizierung und von allem, was dem ähnlich sieht, weil sie den Geist zum Werkzeug der Kastengliederung erniedrigen. In diesem Sinne wollen wir Chedarim und Jeschiwoth, aber solche, die ins Leben eingreifen und nicht neben dem Leben einhergehen. Alle Lehrplanfragen, die heute im Mittelpunkt der pädagogischen Diskussionen stehen, bekommen durch diesen Grundsatz ein ganz anderes neues Gesicht, sind sekundär und können erst nach Einigung über diesen Grundsatz geregelt werden. VII. Sowie in der Mittelschule die Herrschaft des Geistes über die Materie vor allem die Gleichheit des Rechts auf unbeschränkte Pflege des Geistes zur Folge haben muß, so ist bei der Hochschule insbesondere die Freiheit der Forschung die Folge jener Rangordnung. Darum konzentrieren sich die Bewegungen zur Rettung der Hochschule um die Bemühungen, die Forschung aus traditionellen, festgefahrenen Geleisen des Denkens zu befreien, ebenso wie sich die Bewegungen zur Rettung der Mittelschule um die Forderungen nach irgendeiner Art von Einheitsschule für das ganze Volk gruppieren. Und wie jene Bewegungen zur Rettung der Mittelschule deshalb zu keinem wirklichen Erfolge führen, weil sie es nicht wagen, die Mittelschule dem Zweck der Kastengliederung zu entreißen, indem sie das Klassifizieren und die Zeugnisse aufgeben, ebenso führen die Bemühungen zur Rettung der Hochschule zu keinem Ziel, weil sie es nicht wagen, für die Hochschule als die höchste Vertreterin des Geistes Anspruch auf die Führung der Gemeinschaft, beziehungsweise des Staates zu erheben. Die Hochschule als höchste Einrichtung des Geistes kann nicht anders als entweder die Magd oder die Führerin des Lebens sein. Wenn wir unsere Hochschulen haben werden, dürfen wir nicht vergessen, daß unsere Propheten immer mit unvergleichlicher Kühnheit unseren Königen entgegengetreten sind,

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