Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Grundlagen der jüdischen Schule in Palästina
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 127 (sequence 9)
- Language
- German
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Die Grundlagen der jüdischen Schule in Palästina 127 die einen sogenannten unvornehmen Beruf innehaben, ebenfalls zu den sogenannten vornehmen Berufen gelangen können, falls sie eine bestimmte Begabung besitzen, so entsteht das, was man die Überfüllung der vornehmen Berufe nennt, und der Kampf um Macht und Ansehen beginnt erst später und zwar chaotisch, mit Enttäuschung und Erbitterung erfüllt. Man wird nun gegen diese Betrachtungsweise einwenden, daß es sich den Bekämpfern der genannten Verordnung nicht darum handle, auch die Machtlosen zur Macht gelangen zu lassen, sondern darum, daß auch die Machtlosen ihren Geist pflegen können. Will man aber in dieser Auffassung einen Ausweg sehen, so muß man mit Entsetzen feststellen, daß die Bestimmung der Schule, der Kastengliederung zu dienen, sie so sehr von der wahren Pflege des Geistes entfernt hat, daß es sich nicht mehr lohnt, bloß der Pflege des. Geistes halber die Zeit in ihr zu verbringen. Daß dies allgemein verstanden wird, beweist die Tatsache, daß der Zuspruch bei den einzelnen Mittelschultypen so gut wie gar nicht mehr von ihrer größeren oder geringeren Eignung zur Pflege des Geistes abhängt, sondern fast nur mehr von dem Grade der Aussicht, durch die Absolvierung der betreffenden Schule eine möglichst an Macht und Ansehen reiche Stellung in der Gesellschaft zu erlangen. Das sogenannte freie Bildungswesen aber ist so sehr von den erwähnten Stellungen des Mittelschulwesens beherrscht, daß es zur Befreiung der Mittelschule aus den Diensten der Kastengliederung so gut wie nichts wird beitragen können. Nun müssen wir uns klarmachen, daß die Befreiung aus den Diensten der Kastengliederung, welche in dem erwähnten konkreten Falle vergeblich angestrebt wurde, doch nur sehr bescheiden und höchst unvollkommen gewesen wäre. Es handelt sich doch nur um die Gleichstellung derjenigen Kinder, deren Eltern genug Geldmittel haben, sie viele Jahre dem Erwerb zu entziehen. Welche furchtbaren Zustände müßten sich ergeben, wenn wir im Sinne dieser Ausführungen das Recht auf unbeschränkte Pflege des Geistes auch für diejenigen verlangen, deren Eltern ohne Hilfe der Gemeinschaft gezwungen wären, ihre Kinder von klein auf zum Erwerb heranzuziehen — und wenn wir es täten, ohne aus dieser Forderung weitere Folgerungen zu ziehen, die schon angedeutet wurden und die jetzt deutlicher ausgesprochen werden müssen? Die Pflege des Geistes darf zu keiner Vormachtstellung des Einzelnen mißbraucht werden. Wiederum ertönt für jeden Kenner jüdischen Wesens und jüdischer Geschichte vernehmlich der Ruf: „Rückkehr zum Judentum vor der Heimkehr ins Judenland'1. Große Gelehrte, die Handwerker waren, die Selbstverständlichkeit, mit der auch heute im Osten der Reiche sich der tieferen Gelehrsamkeit des Armen beugt, es sind bekannte Tatsachen. Aber doch wollen wir hier, geistig nicht altes Land wiedergewinnen, sondern wir wollen, um eine der großen Ahnungen Herzls mit Herzls Worten zu benennen, Altneuland. Denn etwas soll an dem Alten ganz neu sein. Der freie Geist soll nicht mehr neben dem Leben einhergehen, um nicht von ihm beschmutzt zu werden, sondern tief ins Leben eintauchen, um es zu reinigen. Dem Geiste der Reiferen sollen die andern nicht nur in der „Schul", sondern auch im Leben draußen sich soweit beugen, als sie sich freiwillig beugen. Das wird jede Verlockung zum Machtdünkel im Keime ersticken. Denn wahre Führerschaft ist zwar ein unendliches Glück des Erwählten, aber ebensosehr auch eine schier erdrückende Last. Das hat unsere Volksüberlieferung in unvergleichlicher und unnachahmbarer Weise in der Gestalt Mosis, unseres Lehrers, dargetan, wie es insbesondere Hugo Bergmann in den „Worten Mosis" unserem Verständnis erschlossen hat.