Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Grundlagen der jüdischen Schule in Palästina
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 123 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Grundlagen der jüdischen Schule in Palästina 123 sicheren Häfen der abendländischen Welt verlassen und uns auf jenes unsichere Meer der Zukunft hinausbegeben wollen, zu dem unser Blut uns treibt Ein Lichtschein muß uns auf diesem Meere den Weg weisen. „Eins tut not", sagt Buber in „Ereignisse und Begegnungen"(S. 4), „daß wir uns von der »differenziertenStellungnahme', die uns eingewöhnt worden ist, losgemacht haben. Ist das unsere Art die Dinge zu leben, daß wir ein »ästhetisches* oder ein philosophisches1 oder ein »religiöses* Verhältnis zu ihnen haben, dann bleiben wir draußen: vor uns selber wird die Brücke aufgezogen und das wilde Heer (des Abgeleiteten) nimmt uns mit." Ist ja auch in Europa die Schule der notwendige Ausdruck der gesamten Lebensgestaltung derjenigen Gemeinschaft, welcher sie dienen will. Die Grundlage dieser Gemeinschaft ist eine solche Art. von Kastengliederung, daß ihre wichtigste soziale Funktion der Ansporn zur Arbeit ist. Sie ist nämlich nicht ganz starr und hat vor allem eine starke Tendenz zum Aufstieg des Einzelnen, so daß sie jeden Menschen anstachelt, seine besten Kräfte der Gemeinschaftsmechanik zur Verfügung zu stellen, damit er nicht in eine niedrigere Kaste sinke oder gar das Glück habe aufzusteigen. So sichert sie unter allen Umständen das notwendige Mindestmaß an Arbeit, sie macht diese aber ganz zweckbesessen und dadurch seelenlos. Dieser Kastengliederung muß in unseren Verhältnissen naturgemäß auch die Schule dienen, und an dieser unbeugsamen Tatsache scheitern . auch alle Versuche, der Schule und der Erziehung eine grundlegend andere Richtung zu geben. Jede Berührung mit dem Leben bringt eine solche Bemühung zum Scheitern; oft genügt schon die Notwendigkeit dazu, die Eltern für die neue Erziehung zu gewinnen, wie es jüngst bei Gustav Wyneken der Fall war. Wir müssen uns darüber klar werden, daß denjenigen, die eine neue Erziehung begründen wollen, auch die Pflicht obliegt, ihre Brauchbarkeit in der Welt der Wirklichkeit zu erweisen. Das ist nicht im Sinne eines intellektualistischen Beweises gemeint, in dieser Weise läßt sich Zukunft überhaupt nicht beweisen. Aber man muß zeigen, inwiefern sich die betreffende Gemeinschaft ändern muß, damit die geforderte Änderung in der Erziehung möglich werde. Das ist meines Erachtens bei unseren geistigen Erziehungsreformen unterblieben oder in irgendeinem engen Parteisinn geschehen. Das erstere gilt z. B. für den schon genannten Wyneken, das zweite z. B. für die rationalistischen Bestrebungen, wie sie etwa in Österreich von der „Freien Schule" verkörpert werdein, deren Lebensanschauung doch wie ein Kartenhaus zusammenstürzt, wenn man sie nicht ganz vom Standpunkt des Parteiinteresses der Antiklerikalen betrachtet. Die Grundtatsache, auf der das heutige Leben und damit die heutige Schule aufgebaut sind, bleibt trotz manchem Schein des Gegenteils unangetastet. (Der wichtigste Beweis dafür im 8. Teile dieser Ausführungen.) Diese Grundtatsache ist jenes Gefühl der Tragik, von dem ich vorhin gesprochen und gesagt habe, daß es uns Juden fehle. Der Mensch ist für dieses Gefühl im Grunde genommen nicht im Ebenbilde Gottes erschaffen, sondern mit einer Erbsünde belastet. Er ist infolgedessen schlecht und bedarf natürlich einer im Wesen unverantwortlichen Führung. Blinder Glaube und Unterwerfung sind daher seine obersten Pflichten. Damit nicht alles wie jetzt in Rußland einem schauerlichen Wirrwarr zum Opfer falle, muß jedes Ding und vor allem jeder Mensch seinen festen Platz haben, den er nur unter ganz bestimmten Regeln und unter ganz bestimmten Bedingungen verändern darf. Ein Polizeisystem hat im ganzen öffentlichen Leben darüber zu wachen, daß alle diese Bedingungen auf das genaueste eingehalten werden. Das Verhältnis zwischen den einzelnen Menschen