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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 3 · p. 122

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 3
Article
Die Grundlagen der jüdischen Schule in Palästina
Date
1919-01-01
Page
122 (sequence 4)
Language
German
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X22 Oskar Epstein: uns tausend Sätze unserer Überlieferung beweisen, die jüdischer Gemeinschaftskonzeption gelten. Z.B.: „Der Mensch ist im Ebenbilde Gottes erschaffen". Das heißt nicht „Freie Bahn den Tüchtigen" und auch nicht soziale Fürsorge, wovon eben soviel in Herzls Gemeinschaftskonzeption steckt. Es bedeutet, daß es jedem Menschen möglich sein soll, seinem Wesen entsprechend zu leben. Das ist keine wissenschaftliche oder historische oder ökonomische Frage oder dergleichen. Es ist eine Frage der Emunah, die ich hier doch noch am ehesten mit dem leider so mißbrauchten Worte Glaube übersetzen möchte. Es ist der Gegensatz zu jenem Unglauben, den Goethe in die abgrundtiefen Worte gefaßt hat: „Übers Niederträchtige niemand sich beklage, denn es ist das Mächtige, was man dir auch sage." Das ist der Tod des Geistes. Was man neben ihm noch so nennen mag, kann nur Fälschung sein. Denn der Geist kann nur anstreben, das Niederträchtige zu überwinden. Mag Goethes Ansicht wahr sein; die Fähigkeit, sie hinzunehmen und ohne vernichtet zu werden auszusprechen, bedeutet den Verzicht auf den Geist. Der Geist muß Kämpfer sein, der Kämpfer muß an seinen Sieg glauben. Das* ist die wichtigste Bedingung, wenn er ernst genommen werden will. Mit dem Scharfblick des Hasses haben insbesondere Houston Stewart Chamberlain in seinen „Grundlagen des XIX. Jahrhunderts" und Otto Weininger in seinem „Geschlecht und Charakter" diesen Gegensatz zwischen jüdischem und nichtjüdischem Wesen erkannt. Dem Juden fehle das Bewußtsein metaphysischer Tragik und die Ehrfurcht vor der Wirklichkeit. Der Wille überwuchere alles. Ja, es ist wahr, aber womit unsere Hasser uns schmähen wollen, das soll unser größter Stolz und unsere Aufgabe sein. Von köstlichem Humor verklärt und mit dem Auge der Liebe gesehen, finden wir diese Erkenntnis besonders eindringlich in Scholem Alechems Erzählung von „Dreyfus in Kasriliwke". Man hat in Kasriliwke sichere Nachrichten, daß Dreyfus trotz seiner offenbaren Unschuld endgültig verurteilt worden ist, aber die Juden von Kasriliwke wissen, daß es trotzdem nicht wahr sein kann, da die Welt doch, auf Gerechtigkeit aufgebaut ist und ohne sie zusammenstürzen muß. Trotz aller Tätsachen wollen die Juden von Kasriliwke nicht glauben: „Übers Niederträchtige niemand sich beklage". Sie haben keine Ehrfurcht vor dieser Wirklichkeit und keinen Sinn für metaphysische Tragik. Und darum glauben wir daran, daß sie und ihresgleichen, zu denen auch wir uns rechnen, eine neue Welt unter der wahrhaften Herrschaft des Geistes aufbauen werden. Vielleicht genügen diese bruchstückartigen Gedankengänge, um zu zeigen, daß wir den Glauben an die Einzigartigkeit der neuen Siedlung in Palästina nicht nur auf unseren Sehnsüchten und unseren Träumen aufbauen. Er muß sich uns aufdrängen, wenn wir mit dem Auge der Liebe die Einzigartigkeit unseres Volkes betrachten, dessen gesegnete Anlagen im Dunkel der Galuth verkrüppelten und auch dort verkannt werden, wo sie noch unverkümmert vorhanden sind. IV. Aus all dem Gesagten muß sich ergeben, daß die gesamten Grundlagen des Volkslebens anders werden müssen, wenn wir das Ziel des Zionismus verwirklichen, d. h. das Judentum in Palästina ius Leben zurückführen wollen. Da ergibt sich, daß wir immer wieder die Gesamtheit des Lebens ins Auge fassen müssen, wenn wir uns klare Vorstellungen von bestimmten Lebenseinrichtungen in Palästina machen wollen. Hier soll das mit der Schule versucht werden. Wollten wir irgendwelche besondere Kunststückchen für die zukünftige Schule Palästinas erfinden, so kämen wir vielleicht zu ganz brauchbaren Reformen, aber nicht zu jener Erneuerung des Lebens, um derentwillen wir die

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