Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Sache des Landarbeiters
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 118 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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H8 Berl Katznelsohn: Die Sache des Landarbeiters Milchtropfen zu sehen bekommen, erblicken, so fragen wir uns staunend: Wo ist unser gepriesener Nationalismus, wo ist unser Sinn für das Volk» wo sind die menschlichen Bande zwischen unserer „demokratischen" Nationalintelligenz und der „Masse"? Stehen sie sich nicht wie zwei verschiedene Völker gegenüber? Wo ist da die jüdische Barmherzigkeit? Die sanitären Sorgen sollten bei uns mit in erster Linie stehen. Wenn wir die geringen Kräfte, die wir im Lande haben, schonen wollen, wenn wir die kleine, so teuer bezahlte Konzentration erhalten wollen, so müssen wir nach dem Lande wissenschaftliche Kräfte ersten Ranges bringen, müssen moderne Einrichtungen, Krankenhäuser und Sanatorien, Entbindungsanstalten, Säuglingsheime, Pasteurinstitute, Volksbadeanstalten schaffen. Allmählich muß die passende Atmosphäre für wissenschaftliche medizinische Arbeit geschaffen werden, in der Platz sein wird für den kommenden großen jüdischen Arzt. Und noch ein Problem, das gänzlich vernachlässigt worden ist, fordert gebieterisch seine Lösung. Das ist das Problem der kulturellen Volksarbeit. Bis jetzt bedeutete Kulturarbeit in Palästina nichts als Schule. Was wurde getan, um den Neuankommenden das Erlernen des Hebräischen zu erleichtern? Das war Sache der Einzelnen, der Fanatiker, der Freiwilligen. Uns Arbeitern fiel die ehrenvolle Aufgabe zu, die Sprache in weiten Volkskreisen zu verbreiten, mit all den Schwierigkeiten, die mit dieser Leistung verknüpft sind. Viele von uns erlebten am eigenen Leibe oder an ihnen Nahestehenden das Leid des Menschen, der nach dem Lande kommt, ohne die Sprache zu beherrschen, die seelische Qual der Mutter, die mit ihrem Kinde hebräisch stottert, den schweren Schmerz desjenigen, der jahrelang seine kostbaren Mußestunden dazu verwendet, um Sprachbrocken aufzuschnappen, ohne Lehrer, ohne Lehrbuch und ohne jede Unterweisung. Was wird nun weiter sein, wenn der Emigrantenstrom kommt? Werden wir ihn in seiner Unwissenheit ersticken lassen? Wird der geschichtliche Vorgang der Vereinheitlichung des Volkes und seiner wirtschaftlichen und kulturellen Wiederbelebung dadurch behindert werden, daß uns der weite Horizont fehlt, daß wir treue und begabte Menschen entbehren, die für eine kulturelle Volksarbeit in Betracht kommen? Vor Jahren haben die Choewewe Zion einmal ein arabisches Lehrbüchlein herausgegeben. Wo ist das Lehrbüchlein für hebräische Konversation, das der Einwanderer mit sich auf das Schiff nehmen könnte, wo ist das Lehrbuch für Erwachsene? Ist versucht worden, dem Lernenden die Sprache auf natürlichem Wege, gleichsam unbemerkt beizubringen? Auch das ist Luxus, wie Agrikultur und Medizin. Volksbildung aber besteht nicht in der Sprache allein. Wie steht es mit unseren Bibliotheken, was ist für die Fortbildung der Schulentlassenen getan worden, und wieviel bleibt noch zu tun übrig, um unsere Literatur den kulturellen Ansprüchen des wissensdurstigen Lesers anzupassen? Sollen wir etwa zugeben, daß Bauerntum und Unwissenheit Synomina sind? Nie und nimmermehr! Auf Unwissenheit wird das jüdische Bauerntum, die jüdische Arbeitsgemeinschaft nicht aufgebaut werden. Eine breite und tiefe kulturelle Volksarbeit muß unsere Siedlungsarbeit begleiten, Riesenmittel und riesige Menschenkräfte, Liebe und Hingebung müssen der hebräischen Sprache zu Hilfe kommen, um sie dem heimkehrenden Volke zu eigen zu machen, um den Arbeitenden auszubilden, um die Jugend nach der Schule fortzubilden. Keine Mittel können zu beträchtlich dafür sein, um den Neuankom-