Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Sache des Landarbeiters
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 117 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Sache des Landarbeiters 117 wo es gilt eine Welt aus dem Nichts zu schaffen — wo bleibt da die Hilfe für den Arbeitenden? Wer hat den neuen Arbeiter, den Jemeniten, die Arbeiterin belehrt? Wer sorgte dafür, daß sie auf ihrem Wege nicht überflüssige Hindernisse fanden? Wo sind die landwirtschaftlichen Hilfsinstitutionen, die das Volk seinen Pionieren zur Verfügung stellt? An wen soll sich der Bauer wenden, wenn sein Vieh von einer Seuche befallen wird? Was soll der Gemüsezüchter anfangen, wenn Schädlinge seine Kultur verderben? Seit einigen Jahren beschäftigen wir uns nicht ohne Erfolg mit Gemüsezucht, und jedes Jahr sind wir aufs neue auf der Suche nach Samen: im arabischen Kramladen, bei einem Händler in Damaskus, bei Bekannten im Auslande, bei Bauern, die selbst Versuche machten; und Jahr für Jahr wird bei uns dunamweise allerlei Kohl und Rüben in schönen Beeten gesät, und wir bekommen keine Früchte. Das Herz krampft sich zusammen im Schmerz über die Unfruchtbarkeit der Arbeit, über das eigene oder Gemeinschaftsgeld, das verschwendet wird. Gibt es nicht jemanden, der verpflichtet ist, dafür zu sorgen, daß der Arbeiter in En-Ganim, der Jemenite in Machane-Jehuda, die Arbeiterin in ihrer Genossenschaft gute und passende Samenarten bekommt? Nichts geschieht. Der Zionismus geht seinen Weg, und der Arbeiter verzweifelt von Tag zu Tag mehr und findet keine Hilfe. Und hat unserem Bauern in Galiläa, der unter der Last seiner schweren Arbeit, seiner Armut, seiner vielen Nebenbeschäftigungen zusammenbricht, etwa jemand geholfen, gute und erprobte Weizen- und Gerstensorten zu säen, hat ihm jemand passende Werkzeuge verschafft, gutes Arbeits- und Milchvieh, hat ihm irgend jemand mit seinem Rat zur Seite gestanden, außer dem Fellachen, seinem Nachbarn? „Billige Arbeit". Nicht nur die private Wirschaft unserer Gartenbesitzer, sondern der ganze Jischuw ist auf diesem Grundsatz der Sparsamkeit aufgebaut, und unser neuer Jischuw sowohl der der Chowewe Zion wie der Zionisten und sogar des Barons Rothschild sucht „praktisch" zu sein, und weiß dabei von wissenschaftlicher Agronomie so gut wie garnichts. Das betrachtet er als Luxus, als unproduktive Ausgabe. Unsere Kolonisatoren haben immer nur eins im Auge, alles andere komme von selbst. Der private Besitz werde Wunder wirken, es werde eine gesunde, gewinnbringende Wirtschaft schaffen. Die Hebung der Landwirtschaft ist für den Landarbeiter und seine Zukunft ebenso sehr eine Lebensfrage wie die soziale Neuordnung. Die Forderung, im weiten Maße bei dem Werke der Ansiedlung die Wissenschaft heranzuziehen, ist von allen anderen Forderungen nicht zu trennen. Es müssen geschaffen werden: eine klimatische Station für Pflanzungen, Gemüse und Landarbeit; Baumschulen; Zentralen für Prüfung und Anschaffung von Samen, Anstalten für Insektenbestimmung, für Dungbeschaffung und Prüfung, tierärztliche Hilfe, Versuchsstationen für Obst- und Gemüsekonservierung, für Milchzucht, ein Institut für Wanderagronomen usw. Bei alledem sollen wir nicht geizig sein, sondern freigebig und reichlich landwirtschaftliches Wissen im Lande verbreiten, sonst ist unsere Mühe vergeblich. Aber nicht nur landwirtschaftliche Hilfe fehlt uns, auch für die menschliche ^esundheit ist herzlich wenig getan worden. Es ist traurig, darüber zu sprechen, erschreckend schwer haben wir diesen Geiz büßen müssen. Jahrelang war Untergaliläa Fieber und Seuchen ohne jede ärztliche Hilfe preisgegeben. Sollen Wir ü^er die sanitäre Lage der Jemeniten sprechen, sollen wir über unsere meist geschlossenen Krankenhäuser klagen? Und wenn wir in den Straßen von Jerusalem, Safed und Tiberias umhergehen und die armen Kinder, die nie einen