Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Sache des Landarbeiters
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 113 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Sache des Landarbeiters "3 doch schließlich nicht umsonst gelebt! Sie hinterließen ja genügend viele „Sätze", um das Gespräch der anständigen Menschen in Israel zu würzen. Nicht umsonst haben die Revolutionäre gelebt, Hess, Marx und Lassalle, deren Gebeine noch im Grabe keine Ruhe gefunden haben* Nicht umsonst stehen ihre Enkel an der Spitze Rußlands und anderer sozialistischer Republiken. Bezeugt nicht all das den Wert der Rasse, bestärkt nicht all das den Glauben an unsere große Zukunft? „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht vergeblich aussprechen! —" Wer kehrt sich heute noch an dieses alte Gebot, das in anderer Zeit zu anderen Menschen gesprochen wurde, zu unseren Vorvätern am Sinai. Seitdem „Gott" schon lange nur noch ein leerer Begriff ist, hat man auch jedes Gefühl für die „Entweihung des Namens" verloren. Er ist gut genug dafür, daß jeder Beliebige sich an ihm „die Hände abtrocknet". Ja, das Auserwähltsein mit allen sonstigen Missionen ist schon längst zu einer alten schäbigen Phrase geworden. Wohin soll man sich nur flüchten, nicht so sehr vor dem Schmerz und Zorn, sondern vor dieser Öde und Leere? Wo ist das alte „Auserwähltsein" geblieben, das lebendige, blutvolle, herzerfüllende, befehlende, rechtfertigende und verpflichtende, wo ist das Auserwähltsein im Sinne der nationalen Ankläger und Strafprediger? Da kommen sie nun, die bösen unruhigen Störenfriede, geben sich nicht mit guten Vorsätzen und schönen Redensarten zufrieden, werfen schwere Fragen auf und verlangen handgreifliche Antworten: welche Bedingungen sind dazu erforderlich, daß die Perspektive, die sich vor uns öffnet, nicht beengt wird, welche Bedingungen soll sich das Volk selbst schaffen, damit es leben kann, damit es nicht entartet, damit es an Kräften zunimmt, aufrecht bleibt und würdig und menschlich nach seinem Willen lebt? Der gut bürgerliche Zionist mit den guten Vorsätzen predigt uns Geduld und allmählichen Aufbau. Wozu zuviel auf einmal, wozu der Endentwicklung vorgreifen, wozu zwei Probleme zusammenwerfen? Laßt uns das erste Problem lösen, alles andere wird schon zu seiner Zeit von selbst friedlich kommen. Die haben gut reden, denen das zweite Problem kein Problem ist, die keine Empfindung haben für die Not der Welt. Lebensfragen kann man wohl theoretisch klassifizieren und in Rubriken einteilen, im praktischen Leben aber und bei der Gestaltung des Lebens wollen die Fragen nicht auseinander. Was sollen wir tun, wenn in unserem Leben eine Frage mit der anderen so verwachsen ist, daß sie gar nicht voneinander zu trennen sind? Wenn die nationalen Bestrebungen sich im Leben verwirklichen, können sie nie neutral ohne soziale Inhalte bleiben. Es gibt in unserer Zeit keine lebendige nationale Bewegung, die nicht in irgend einem Verhältnis zu den Fragen der Arbeit und des sozialen Lebens steht. Längst sind die Zeiten vorüber, wo man naiv von nationaler Bewegung sprechen konnte, ohne dabei das Leben des ganzen Volkes in Betracht zu ziehen. Der lebendige Nationalismus beschäftigt sich nicht mit abstrakten Werten ohne leibhaftige Träger. Der Zionismus ist von vornherein auf die Tatkraft des Volkes gebaut und auf den Willen, diese Tatkraft zu verwerten. Kann nun eine solche Bewegung verwirklicht werden, wenn sie nicht die Interessen der breiten Volksmassen mit in sich aufnimmt? Was sind die zionistischen Perspektiven ohne die volkstümlichen Inhalte, ohne eine Volkswanderung, ohne die menschlichen und sozialen Voraussetzungen, die die Wanderung mit dem Zauber der Erlösung umkleiden? Soll etwa das Volk Heft 3. 8