Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Dogma von der ewigen Galuth
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 108 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101153-3104314--3160-3104339- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
io8_Abraham Schwadron; Das Dogma von der ewigen Galuth weiter spuken, verewigt bleiben? Auf welche Notwendigkeit für die Schaffung der Heimstätte haben wir denn sonst der Welt gegenüber hinzuweisen, auf welches zwingende Entweder —Oder? Ist diese Schaffung nicht ein nationaler Luxus unsererseits, sobald durch sie nicht einmal nach einem entsprechenden Zeitraum das drückende Grundproblem, die Juden-Galuthfrage, verschwindet? Wir haben schon durch den zionistischen Versuch die Einsicht der Welt zu einem Besonderen, Analogielosen*) gebracht, nämlich der Lösung erstens einer nationalen Frage durch die planmäßige und einverständliche Umsiedlung eines der Rivalen, und zweitens der Anerkennung der Zusammengehörigkeit von einem Volke und einem Lande, deren gegenseitige zeit-räumliche Entfernung tausende Jahrkilometer, um einen physikalischen Ausdruck zu variieren, beträgt — sollen wir gleichzeitig dieselbe Welt schon für neue Formen, Formeln und Theorien, die den jüdischen Besonderheiten und Anomalien entsprechen, einzunehmen uns bestreben? Wobei niemand zu präzisieren vermag, wie der Rest der angeblich durch die Konzentration nicht zu lösenden Judenfrage mit Erfolg zu lösen wäre. Natürlich sagt man: die restlich verbleibenden Judenmassen werden nach den zu wahrer und wirksamer Geltung zu bringenden Minoritätsrechten, nach den Grundsätzen der nationalen Autonomie usw. zu behandeln sein* Das gebe ich zu und halte den Kampf zur Verwirklichung dieser Prinzipien, wie früher schon betont, für wichtig und nützlich. Aber die völlige Lösung unserer Restprobleme durch diese Prinzipien setzt erstens voraus, daß faktisch die wirtschaftliche und kulturelle Lage der jüdischen Minoritäten sich von der anderer nicht unterscheide, und daß zweitens die Psychose des Judenhasses, die die Lage der Juden bis jetzt, auch dort, wo sie in gleicher gesetzlicher Verfassung lebten, wie die andere Bevölkerung, doch zu einer anormalen stempelte, nicht mehr vorhanden sei. Diese Voraussetzung wird eben bedeuten, daß es dann keine Judenfrage mehr gibt. Da wird aber auch von Galuth nicht mehr gesprochen werden können — das Dogma wird nicht bestehen. * Da ich nun die Ewigkeit der Galuth negiere, habe ich also die feste Überzeugung und Zuversicht, daß alle 14 Millionen, sowie auch die werdende 15., 16. Million Juden aus der Galuth hinaus werden? Nein, fest überzeugt bin ich davon nicht, das ist auch nicht nötig — aber, daß wir es fest wollen, daß unsere ganze Seele danach schreie, das tut not! Ich weiß nicht sicher, — und ich glaube eben nicht an die, die es im bejahenden oder verneinenden Sinne zu wissen angeben — ob alle Juden werden auswandern wollen, können. Ich weiß auch nicht, ob es schon die ersten, sagen wir, 6 Millionen werden wollen, können. Ich glaube manchmal daran, manchmal nicht — Aber was macht's? Es ist immer eine unvollständige und darum falsche Gegenüberstellung, die so vorgenommen wird, als gäbe es nichts in der Welt als entweder das Seiende oder das Erhoffte, das, an dessen Erfüllung man glaubt. Nein, es gibt noch ein drittes; das Sollende, das Gewollte. Der innerste Sinn jeder Ethik ist: An Stelle dessen, was ist, das aufzurichten, was sein soll, was gut ist, auch wenn wir nicht sicher sind oder nicht sicher glauben oder nicht sicher erhoffen, daß es verwirklicht werden wird. *) Vergleiche meinen Aufsatz, „Etwas zum Thema: Der Pazifismus und die nationalen Fragen'* in den „Dokumenten des Fortschritts", April 1916.