Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Dogma von der ewigen Galuth
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 107 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Dogma von der ewigen Galuth 107 wenn das politisch-wirtschaftliche und gesellschaftliche Judenproblem für alle Zeiten von einem niedrigem Normalitätsgrad, sei es konstitutiv oder numerisch, sein wird, als etwa das Polen-, Deutsche-, Lettenusw. Problem, * Jetzt aber beherrscht das Dogma von der Ewigkeit dieser Anormalität unsere Ideologie ausgesprochener- und unausgesprochenermaßen aufs mächtigste, führt sie auf Abwege, Nebenwege, Rückwege und macht uns wirr und lahm und zickzackgängig. Der Polarstern gleichsam, der unserem Steuer Richtung und festen Weg geben soll, schwankt selber und bringt Unsicherheit, Widerspruch, Halbheit in uns und immer zitteriges Ja — Aber. — Das zeigt sich unter anderem im Folgenden: Ist man der Meinung, daß der Zionismus nicht aus dem Willen und der Einsicht von der Möglichkeit erfließt, die Juden-Massenfräge restlos aus der Welt zu schaffen, so wird man dazu gedrängt, verschiedene andere Quellen für ihn zu suchen: wirkliche und imaginäre, lebendige Quellen und löcherige Gruben. Die schwanke Ziellinie wirkt auf den Ausgangspunkt zurück und uns ist so die volle, schöne und starke Geradheit verwehrt: „Der Zionismus bezweckt die direkte und völlige Lösung der Judenfrage"; wir müssen uns mit Behauptungen vom günstigen Einfluß auf die Lage der Zurückbleibenden winden (was an sich in einem gewissen Sinne seine Richtigkeit haben mag, aber zumindest ebensowenig bewiesen werden kann wie die Möglichkeit, alle Juden aus der Galuth zu führen). Ferner können wir auf eine volle Hebraisierung des ganzen Volkes nicht eindeutig lossteuern, weil dies ja in der Galuth eine Sache der Unmöglichkeit wäre, sagt man, und die Galuth doch nie aufhören kann. Schließlich möge noch der mögliche Einfluß dieser Einstellung auf eine der Kardinal fragen unserer erhofften späteren Zukunft nicht unbeachtet bleiben, nämlich auf die Grenzfragen Palästinas. Ich weiß natürlich nicht, wie unsere jetzige Diplomatie — die ich, nebstbei gesagt, für eine sehr kluge und geschickte halte — in ihren verschiedenen Verhandlungen sich zur Frage des Fassungsraumes Palästinas, auch mit Hinsicht auf die späteren Entwicklungen, gestellt hat und stellt. Möglich aber ist es, daß unser Dogma vom ewig kleinen Fassungsvermögen dieses Landes unsere Präpositionen in irgendeinem Maße verschlechtert hat. Es müßten vielleicht weitere Grenzen oder angrenzende Optionsgebiete irgendwie gefordert werden, mit Rücksicht eben auf die Ermöglichung einer allmählichen Aufnahme aller Millionen von Juden und auf deren natürliche Vermehrung. — Wobei ich nicht zu den Naiven gehöre, die glauben, daß unsere „Forderungen" ausschlaggebend sind; aber eine Komponente sind sie und können unter günstigen Umständen auf die Resultierende von Einfluß sein. Demgemäß wird die dezidierte Stellungnahme des jüdischen Volkes zur Frage seiner völligen Erlösung durch die Konzentration auch für die Folge auf die Quantität und Qualität unserer palästinensischen Massensiedlung von allererster Bedeutung sein. Man bedenke: es ist uns gelungen, d. h. es ist der Anormalität unserer „Lagen" — jede Lage ist bei uns eine Niederlage — gelungen, einen bedeutenden Teil der denkenden und führenden Menschheit von der Notwendigkeit zu überzeugen, dieser Anormalität durch Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina ein Ende zu machen — dank den fremden Interessen, die in derselben Richtung laufen; nun soll aber schon a priori und im Prinzip durch diesen Versuch nicht geplant sein, die Absonderlichkeit aufzuheben, sondern die Judenfrage soll in einer, ich weiß nicht, welcher Form in verschiedenen Ländern