Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Dogma von der ewigen Galuth
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 106 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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io6 Abraham Schwadron: Zionismus nichts weiter zu tun wissen, ihr werdet in der Mitte stecken bleiben. Die antizionistischen Gläubigen der Evolution oder der Revolution als der sicheren Löserin der Judenfrage, alle die Giranten des bourgeoisen Fortschritts oder der „allweltlichen Sowjetrepublik" usw. rufen uns ja unisono jetzt schon zu, der Zionismus sei überflüssig, da der Sieg des Lichtes über die Finsternis ganz nahe ist, und bis wir die paar Millionen hinübergeführt haben, wir sie schon wieder zurückführen können, denn der Wolf lebt inzwischen bereits friedlich mit dem Lamm, Und manchmal glaubt es sich auch in mir, daß einmal, einst, einst, alle Unterschiede der Nationen sich in eine einheitliche, einschichtige Menschheit verlieren werden. Was allerdings, nebstbei gesagt, mir nicht als die über jedem Zweifel allseits schönste Perspektive erscheint. Ich weiß auch nichts ob es nicht damals nur lauter Wölfe oder lauter Schafe in der Welt geben wird, oder beide vielleicht von der ekligen Spezies der Hyänen vertilgt sein werden. — „Einst wird Erez Israel sich über die ganze Erde verbreiten", heißt es im Talmud. „Und es wird sein am Ende der Tage und voller Vernunft wird die Erde", verkündet Jesaias. Am Ende der Tage — daß wir nur ja das Ende der Tage nicht in unser Kalkül setzen! Noch am letzten Tage vor dem Ende der Tage entrinnt weinend und jauchzend der letzte Jude der Galuth; am letzten Tage vor dem Ende der Tage hat vor innerem Weh das Blut in ihm aufgeschrien, er hielt es in der Galuth nicht aus. Der Jude aber, der dies bis zum Abend dieses letzten Tages nicht getan haben wird, für den haben wir nicht zu sorgen, der braucht unsere Vorsorge nicht — am Ende der Tage*). Was werden denn andere Länder tun, die, jetzigen Berechnungen gemäß, nach zwei, drei, fünf Generationen ihre Völker nicht werden fassen können? Wir sorgen uns schon um, was weiß ich, die wievielte Generation, wo wir nur erst etwa ein halbes Prozent der ersten Generation im Lande der Hoffnung haben. Ich empfinde es demnach als eine Negierung des tiefsten und wesentlichsten Fundaments des Zionismus, wenn wir auch nur für einen Moment auf die Einstellung eingehen, daß diese Ideen- und Massenbewegung nicht auf eine Lösung der Judenfrage in erschöpfendster Totalität durch Konzentration hinzielt; wenn wir auch nur für einen Augenblick grundsätzlich damit rechnen wollten, daß die Galuth nie aufhören wird, in dem Sinne, daß die Juden in Massen und doch als unmaßgebliche Minoritäten, ansehnlich und doch unängesehen, in den verschiedensten Ländern weiter in einer der jetzigen gleichen oder ähnlichen innern und äußern Verfassung, d. h. irgendwie anders als andere Minoritäten, unter eigentümlichen Bedingungen, in „unvergleichlichen Lagen" leben werden, in Lagen, bei denen das und jenes „zu berücksichtigen" ist, das und dies ein „Problem von solcher Einzigartigkeit darstellt, daß ihm aus dem Gesichtspunkt der gewöhnlichen staatspolitischen Anschauung nicht beizukommen ist" — kurz, *) Doch muß, wer an die Ewigkeit der Galuth nicht glaubt, deswegen nicht gegen die Befriedigung der Galuthbedürfnisse, gegen die Galuthpolitik, gegen die Gegenwartsarbeit sein. Dies alles ist schon wichtig, sehr wichtig, wenn es sich bloß für einige Generationen als dienlich erweist, wenn es dazu dient, das Menschenreservoir für Palästina oder für eine andere Konzentration nicht nur zu konservieren, sondern auch immer widerstandsfähiger, immer geeigneter, immer bereiter zu machen.