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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 3 · p. 105

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 3
Article
Das Dogma von der ewigen Galuth
Date
1919-01-01
Page
105 (sequence 3)
Language
German
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Das Dogma von der ewigen Galuth mit fortschreitender Freiheit der Welt immer stärker empfunden werden. Das Gefühl für die eigene nationale Art und ihre Sonderbedürfnisse wird, neben den verschiedenen übernationalen Bestrebungen, jetzt überhaupt, zumindest für weit absehbare Zeiten, nicht nur bei uns immer stärker werden — und das Gefühl auch für die feinsten Nadelstiche mit, weil alles Volk immer reifer wird dafür. Die Kinder der Heloten werden schon nach Freiheit schreien. Als Cönfalonieri, Bacchiega, Pellico u. a. in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts als die ersten von der nationalen Auferstehung und Befreiung Italiens träumten, da waren sie eben die einzigen, die das Fehlen dieser Freiheit wahrhaft schmerzte. Das Italien, das in ihrem Herzen lebte, das nur war unfrei. Die anderen Italiener stöhnten freilich, wenn sie bedrückt wurden, suchten der Unterdrückung, jeder wie er konnte, zu entgehen, und inwieweit einem das gelang, bereiteten ihm die Fesseln Italiens, der italienischen Nation, wahrlich wenig schlaflose Nächte. Erst nach und nach erwuchs die Reife im Volke für die Unzufriedenheit, für das Gefühl des Schmerzes über die Unfreiheit — bis die 1 s . Nation das Äußerste wagte und so sich befreite. Auch bei uns konstatierte Herzl mit mehr Betrübnis als Ironie die gebräuchliche „individuelle Lösung der Judenfrage" und daß, wenn man gesund ist und die Geschäfte gut gehen, das andere sich ertragen lasse. — Der Zionismus sollte eben diese Behaglichkeit stören. Zionismus ist mir im primären, sensorischen Sinne: Auflehnung gegen das Galuthsein, gegen das Immer-Minderheit-sein, gegen die Qual der Erniedrigung und Hilflosigkeit des Zerstreutseins, gegen die Gefahr, vom Haß und der Verachtung der Guten und Bösen in der Welt mit Selbstverachtung infiziert zu werden. Ich habe gestern einem jüdischen Hausierer im Volkscafö zugesehen: wie er hineinkam, wie er grüßte, wie er etwas anbot, wie man ihn ansah, wie er wieder grüßte, wie er fortging. Er tat nichts Besonderes, man tat auch ihm nichts — aber mein ganzes Volk der Galuth^sah ich in ihm vor mir: wie er grüßte und wie man ihn ansah! — Zionismus ist mir nicht so sehr der große Seufzer, der sich von Zeit zu Zeit erhebt, als vielmehr das leise Unbehagen, das scheinbar leichte, scheinbar unschwer zu übersehende und zu überwindende, das aber unablässig, ewig bohrt, fein und still, wie der zähe Holzwurm, bis zur Verzweiflung bohrt — bis man aufschreit und — kann man nur irgendwie — aus der Galuth hinausrast wie von Furien gejagt. Wem Zionismus nur Weltanschauung ist, Aufgabe in der Welt, in der Menschheit-Menschlichkeit, dem kann eine Änderung seiner allgemeinen Ansichten die Fundamente seiner zionistischen Gesinnung untergraben. Darum können diese Fundamente nicht primitiv genug, nicht nackt - wurzelhaft genug sein: daß Speise und Trank und Licht und Freude dem Juden irgendwie gallig oder schal werden in der Fremde —- Fremde, Fremde, Fremde! Vielleicht aber schwindet der Druck, Galuth verliert ihre Bitterkeit, hört infolge der allgemeinen menschlichen wahr - innerlichen Toleranz und Liebe und Gerechtigkeit auf, Galuth zu sein? Dann, dann allerdings wird der Zionismus, zumindest jener primitive, direkte, überflüssig werden. Es gibt für mich keine Tugend, die nicht einer Not entspränge. Dann gibt es aber auch keine in der Galuth ewig Zurückbleibenden, sobald eben Galuth keine mehr ist. Meinetwegen, vielleicht kommt gar dieser Zustand, noch bevor die von den Gelehrten präliminierten ersten Millionen hinübergegangen sein werden. Dann aber werdet ihr auch mit eurem limitierten

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