Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Dogma von der ewigen Galuth
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 104 (sequence 2)
- Language
- German
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104 Abraham Schwadron: diese dogmatische Einstellung im Zionismus, im prinzipiellen, ganzen, von Grund auf wenden. Daß wir uns dagegen wenden, nicht indem vir das Gegenteil beweisen — die Verfechter der andern Meinung vermögen ihre Ansicht auch nicht zu beweisen —, sondern indem wir unseren festen, unbeirrbaren Willen zur totalen Aufhebung der Galuth als Primat setzen und der Beweiskraft der gegnerischen Argumente unsere berechtigten Zweifel entgegenhalten* Weil niemand wissen kann, welche ökonomisch-politischen Formen das Land und die Nebengebiete und die Welt überhaupt in den nächsten Generationen annehmen werden. Herzl setzte für Palästina eine Entwicklungshöhe der Technik voraus, die — und mit ihr ein enormes Fassungsvermögen — zu erreichen mir allenfalls leichter und wahrscheinlicher erscheint als so manchen sozialen Höhepunkt, den viele für unser Land in der nächsten Zukunft erwarten. Viele Fachmänner hatten uns ja früher bewiesen, hatten ausgerechnet, daß das Land nur noch eine verschwindend kleine Anzahl von Menschen, wenige Hunderttausende, werde aufnehmen können. Da kam Ballod und errechnete sechs Millionen schon gewissermaßen für den Anfang der Entwicklung. Beweisen kann er dies im direkten und strengsten Sinne nicht. Bewiesen wird es nur sein, wenn wir diese sechs Millionen bereits hineingebracht haben werden. Schon daß der Zionismus, sagen wir, zwei Millionen auf palästinensischem Boden ansässig zu machen vermag, wird erst bewiesen sein, wenn sie dort bereits sein werden. Wir polemisieren ja alle täglich gegen unzählige Gegner, gegen kluge, praktische, informierte und sachkundige Menschen, die auch diese Möglichkeit bestreiten. Allenfalls werden bei diesen ersten zwei Millionen, bei denen die Fassungsfrage keine Rolle spielen wird, die anderen Fragen, Hindernisse, Unzulänglichkeiten und Widerstände so schwerwiegender, so geradezu erschreckender Natur sein, daß man niemandem die Möglichkeit schlechtweg zu beweisen vermag. Ich kann es nicht beweisen, ich weiß selber nicht, ob das Hinüberführen der ersten etwa zwei bis drei Millionen in das im kleinsten und größten von Tiefgrund aus eftrst zu kultivierende Land nicht eine größere Schwierigkeit — nach der Meinung der Gegner: Unmöglichkeit — darstellt, als später das Hineinbringen der siebenten bis, sagen wir, sechzehnten Million. Ich weiß überhaupt nicht, wozu sich die Juden entschließen werden, nachdem z. B. die Ballodschen Millionen hinübergewandert sein werden; einerlei, ob dies während einiger oder einer Generation wird geschehen können. Ich weiß nicht, ob sie sich dann, wenn schon vielleicht einmal in Palästina für die restlichen Millionen absolut kein Platz sein sollte, nicht in einem der Nachbarländer ein zweites Konzentrationsgebiet suchen werden. Vielleicht in dem inzwischen bewässerten Mesopotamien. Vielleicht irgendwo anders. Eine Konzentration — das empfinde ich im wesentlichsten Sinne als Gegensatz zur Galuth, der Zerstreuung. War irgendein Uganda vor der Erlangung Palästinas mit Recht eine Gefahr, so wird es das nicht mehr sein, sobald Palästina durch Millionen Juden gesichert ist. — Ich weiß nicht. . . Aber das weiß ich: Wenn Millionen Juden einmal gekostet haben werden, ohne Galuth zu leben, so wird keine Schwierigkeit der Welt die anderen abhalten, sich mit aller Gewalt und Anstrengung aus der Galuth hinauszudrängen. Und das auch: Die Not und die wehe Bleilast und der Ekel der Galuth werden von immer mehr Juden und immer unerträglicher empfunden werden,