Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Dogma von der ewigen Galuth
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 103 (sequence 1)
- Language
- German
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Abraham Schwadron: Das Dogma von der ewigen Gallith 103 DAS DOGMA VON DER EWIGEN GALUTH Eine Kardinalfrage der zionistischen Ideologie DAS war beim Erstehen des Zionismus die wichtigste Einwendung gegen ihn und ging bis in die Tiefe seiner Fundamente: Palästiria kann alle Juden nicht fassen. Die Zionisten antworteten: Man vermag über die Fassungsfähigkeit eines Landes im vorhinein Bestimmtes nicht zu sagen. Es ist dies von so vielen anderen Umständen außer der Leistungsfähigkeit des Bodens, und was damit m Beziehung steht, abhängig. Und nicht nur davon, was das Land bietet, sondern auch davon, was die Bewohner brauchen. Es gibt so viele und unübersehbare Faktoren, die die Größe und Art der Bedürfnisse oder die sogenannte Bedürfnislosigkeit der Bevölkerung und deren Befriedigung bestimmen. Man wies auf Belgien hin, als auf den am dichtesten bevölkerten Staat, wobei niemand sagen konnte, daß dies schon ein nicht zu übertreffendes Maximum darstellte. Außerdem — sagten die Zionisten —, sollten alle Juden nicht hinüberwandern können, so wird die Position der in der Galuth bleibenden kleinen Zahl eine ganz andere als bisher sein, dadurch, daß in Palästina ein Zentrum und eine Heimstätte der jüdischen Nation bestehen wird. Zu Anfang also, besonders in der „Judenstaats"-Epoche, solange sich die Zionisten ihre Aufgabe recht leicht und in kurzer Zeit durchführbar vorstellten, gingen sie außerhalb der Apologie auf eine breite Erörterung dieses Gedankens nicht ein. Aber Jahrzehnte vergingen und mit ihnen der „holde Leichtsinn" und der Glaube an das rasche und leichte Werk. Die Zionisten bekamen Zeit zum Nachdenken und zum Sich-selbst-fragen. Und mehr als einer antwortete sich: Wirklich, Palästina kann alle Juden nicht fassen und nebst dem Teile, der hinübergehen wird, dürfte dieses Land höchstens etwa den jährlichen jüdischen Geburtenüberschuß der Diaspora aufnehmen, so daß immer große Massen in der*) Galuth werden bleiben müssen. Zum Teil war diese — an sich wehmütige — Einsicht doch in einer tieferen Seelenschicht halb unbewußt erwünscht. Sie war von dem Wunsche gezeugt, den national-kulturellen und politischen Galuthforderungen des Zionismus die Grundlage der Notwendigkeit zu geben. Da nämlich allenfalls Millionen in der Diaspora zurückbleiben werden, so müssen Diaspora-Programme aufgestellt und durchgeführt sein. Jetzt, da äußere politische Konstellationen uns die Möglichkeit für Hoffnungen gegeben haben, die zu hegen wif aus eigenem, direktem Verdienst — im gewöhnlichen staatspolitischen Sinne — eigentlich keine Berechtigung haben; jetzt, da wir — ob unsere Hoffnungen sich verwirklichen oder nicht — jedenfalls die Pflicht haben, nicht nur an die Notwendigkeit, sondern auch an den Plan einer Großkolonisation, in irgendeinem Maße, zu denken; jetzt, da wir eben durch das Nachdenken über diesen Plan und seine wahrhaft tausendfältigen und übermächtigen Schwierigkeiten um so stärker an der schon lange früher gewonnenen Einsicht uns stoßen, daß Palästina nicht groß genug sei, um usw. — jetzt halte ich es für tief notwendig und dringend, daß wir uns gegen *) Ich gebrauche „Galuth" als Feminnum, wie im Hebräischen.