Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Zwei Briefe
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 86 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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86 Henri Nathansen: in ihrem unberührten Gemüt bewahrt hatten. Die gleichen Züge von Hoheit und Ehrfurcht, von Milde und Entsagung, die uns aus der Seele der gewichtigsten jüdischen Dokumente entgegenstrahlen: dem Alten und dem Neuen Testament Sie sind es, meines Volkes ursprüngliches Antlitz, meines Volkes ursprüngliche Seele, die in meinem Traume leben, dem Traume, in dem ich mich zu Hause fühle. Ein Traum, der für mich immer weniger Traum wird, immer mehr starke und erwachsende Wirklichkeit. Ein Volk, das alles durchlebt, alle anderen Völker überlebt hat. Ein Volk ohne gemeinsame Sprache, ohne Gemeinschaft des Zieles und der Kultur, ohne Land — und dennoch ein Volk, ausgeprägt im Äußern und Innern wie kein anderes. Ein Volk, das durch Moses und Jesus der Welt die moralische Grundlage gegeben hat, auf der alle geistige Entwickelung ruht. Ein Volk, das selbst durch Marx und Lassalle sozial aufbaute, wozu es moralisch den Grundstein legte. Hat nicht dieses Volk seine Existenzberechtigung unter den Völkern bewiesen? Kann die Welt, die jetzt ihren ungeheuren Kampf um das Recht der Nationen kämpft, diesem Volke, wenn die Stunde der Abrechnung schlägt, sein uralces Recht vorenthalten, auf heimatlichem Boden seine zerstreuten und zersplitterten "Kräfte zu sammeln, dair.it sie sich in voller Harmonie mit der Umwelt zu einer Höhe entwickeln wie vielleicht nie zuvor? Darf die Welt es sich bei dem großen Zusammenbruch gestatten, die letzten und kostbarsten Werte der jüdischen Natur in Kleingeld auszumünzen, hat sie das Rechte diese Kraftquelle auszupressen, die vielleicht noch einmal aus ungeahnten Höhen ihr verklärtes und versöhnendes Licht über die Lande ergießen kann? Denn da und nur da liegt die Lösung der ewig brennenden jüdischen Frage. Niemand fühlt sich sicher außer auf heimatlichem Grund — und wir standen nie auf eigenem Grund. Du und ich, wir beide haben das gefühlt, wie sicher wir verhältnismäßig auch standen. Wir fühlten es an der Unruhe, die ewig um uns war. An der Unruhe, die ewig unsern Sinn verwirrte. Niemals in Ruhe, in voller und glücklicher Harmonie. Entweder Effekt, Affekt und Ekstase — oder Einsamkeit, Mutlosigkeit und Schwäche. Von beißendem Spott zu blutloser Sentimentalität — von krampfhafter Selbstüberhebung zu serviler Selbsterniedrigung — niemals wir selbst unter andern. Wir mußten unser Antlitz zeigen aus Furcht, übersehen zu werden — und die Zurschaustellung wurde herausfordernd und plump. Wir mußten zur Zeit oder Unzeit das Wort ergreifen aus Furcht, überhört zu werden — unsere Stimme wurde durchdringend und scharf. Wir mußten unsre Gesinnung, unsren Herzenszustand demonstrieren, aus Furcht, daß Schweigen verdächtig wirken und zu unsren Ungunsten ausgelegt werden könnte — und unsere Persönlichkeit, unsere Menschlichkeit, unsere Vaterlandsliebe wurden übertrieben, weil sie immer auf die Spitze getrieben werden mußten, immer als die vordersten unter den vordersten, gleichzeitig Fahne und Trompete. Oder wir zogen uns müde von dem Lärm und Kampf zurück, verbargen unser Antlitz, kapselten unsern Sinn in lebensferne Abstraktionen, in unfruchtbare Isolation — und das kurze und g uckliche Jetzt ging an uns vorbei, während wir in asketischen Spekulationen den Wert des Augenblickes unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit maßen. Dort erst, dort in unserer eigenen Heimat, wird unser armes verirrtes und verwirrtes Volk zur Ruhe kommen. Seine krampfhafte Rechthaberei, seine mutlose Selbstaufgabe werden in einem gesunden und natürlichen Gefühl des eigenen Wertes und der eigenen Würde Ruhe finden. Sein vom Jagen und Gejagtwerden aufgeriebener und überhitzter Geist wird zu glücklicher Harmonie mit sich selbst