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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 1-2 · p. 85

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 1-2
Article
Zwei Briefe
Date
1919-01-01
Page
85 (sequence 9)
Language
German
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Zwei Briefe 85 dieses matte und mißbrauchte Wort, hinter dem Du Dich selbst nicht einmal mehr verschanzen magst. Mein menschliches Gefühl und meine Menschenwürde, mein Stammesgefühl, mein Vaterlandsgefühl in der allertiefsten und innerlichsten Bedeutung des Wortes wurden gekränkt durch Deine Verleugnung und den Abfall von Deinem Volke — ja, Deinem Volke! Wir reden ja vollständig offen miteinander, nicht wahr? vielleicht zum ersten Male in unserm Leben — Du selbst hast in Deinem Briefe dazu aufgefordert. Darum will ich auch nicht versuchen, mich irgendwie zu verschanzen und, wie so oft, Deinem Angriff mit einer maskierten Abwehr zu begegnen. Wenn Du in unsern Gesprächen Deine Angriffe gegen das jüdische Volk richtetest und ich Deinen rücksichtslosen Angriff mit einer ebenso rücksichtslosen Verteidigung abzuwehren suchte, dann — glaube mir — fühlte ich oft den Stachel Deiner Worte doppelt tief, weil ich spürte, wie sie sich heimlich gegen die Schicht richteten, der ich angehörte, und ich mir mit Bitterkeit im Herzen eingestehen mußte, daß sie berechtigt waren. Mit welchem Schmerz und welcher Scham erfüllt mich das Antlitz, welches das jüdische Volk am häufigsten der Welt zukehrt! Wie soll ich Dir das sonderbare Gefühl hoffnungsloser Verlassenheit erklären, das rrych zwingt, mein Gesicht, das aus Scham über diese Verwandtschaft errötet, zu veVbergen! Wie macht es mich doppelt einsam und traurig; dieses Spiegelbild meines eigenen Antlitzes, meines eigenen Gemütes, das mir auf Straßen und Gassen begegnet! Des Geschlechtes Antlitz! Ist das mein Geschlecht, das an jeglicher Ecke, auf jeglichem Platze tobt und lärmt? Ist das mein Blick, mein Lächeln, meine Gebärde? Ist das die Entwicklung, die zu erreichen mein Volk auserwählt wurde — ein verwirrender Ameisenfleiß ohne höheres Ziel, ohne weiteren Zweck? Ein kaltes Gehirn, das den Einsatz berechnet, und ein dürres Herz, das den Gewinn zur Schau stellt.. . Oder ist es nur ein Antlitz, das von der Umwelt geprägt und nach dem Bilde des Abgottes der Zeit geschaffen wurde? Ein ehemals edles Antlitz, das die Natur in einer teuflischen Laune preisgegeben hat, um die Machtgier der Zeit und ihre grausame Gleichgültigkeit gegen das Los der Tausende in einem boshaften und abschreckenden Zerrbilde widerzuspiegeln. Zeigt das jüdische Antlitz die hochgepriesene Kultur des Westens in ihrem grenzenlosen Verfall.— ihren ewigen Kampf Mann gegen Mann, in Handel und Wandel, in Wissenschaft, Kunst und Politik, das hoffnungslose Ringen der Schichten, die erbarmungslose Abrechnung zwischen den Nationen? Hat das jüdische Volk mit seiner durch die Verhältnisse hochentwickelten Anpassungsgabe dem Antlitz der Zeit seine harten genußsüchtigen Züge abgelauert und einen semitischen Typus geschaffen — das auserwählte Volk als Schreck- und Abschreckungsmittel — und als Ansporn im Kampf für die anbrechende Wiedererrichtung und Wiedergeburt? Denn ich habe auch ein anderes Antlitz gesehen — und nicht nur in meinen Träumen. Ein in sich geklärtes und geduldiges Antlitz mit einem Lächeln, darin sich eine Nachsicht des Sinnes, ein Geist der Versöhnlichkeit, ein Gefühl der Brüderlichkeit spiegelte — hoch erhaben über allen irdischen Verstand. In diesem Antlitz leuchtete eine seltsame gedämpfte Glut, eine Herzenswärme, wie von einem heiligen Feuer lange düstere Zeiten hindurch genährt. Dieses Antlitz habe ich bei Juden aller Schichten und aus allen Gegenden getroffen, am häufigsten bei den Juden des Ostens, in den Scharen der Verbannten, in der Namenlosen melancholischem Trupp. Dem gleichen Antlitz bin ich bei den ostjüdischen Dichtern begegnet, die den ursprünglichen Ausdruck der ursprünglichen Natur ihres Volkes

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