Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Zwei Briefe
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 87 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Zwei Briefe S7 und der Umgebung zurückfinden. Sein Antlitz wird wieder zuversichtlich und ruhig werden. Dankbarkeit und Aussöhnung mit dem Schicksal nach der langen Heimatlosigkeit werden sich in ihm ausprägen. Was es zuvor als eine Gnade «mpfand, wird es nun als sein Recht empfinden. Und des Volkes Verantwortlichkeit und Ehrgefühl werden sich auf dem einzigen natürlichen Wege entwickeln: durch das Gefühl seiner Menschenwürde zum Bewußtsein seines Menschenwertes. In diesem Kampfe — für oder wider — haben wir Partei zu ergr ifen — Du und ich, jeder, der sich als Juden bezeichnet oder fühlt. Der Kampf geht in erster Reihe um das Wiedererstehen oder die Auslöschung unseres Volkes. Viele werden sich rechtzeitig von dem Kampf zurückziehen, müde der ewigen Unruhe um die ewige jüdische Frage, doppelt beunruhigt durch eine Zukunft, welche die Frage nicht durch Diskussion sondern durch Handeln lösen will. Die Westjuden werden in hellen Scharen das letzte, schwache Band zerreißen, das sie jetzt noch durch Tradition und Pietät an das Judentum fesselt. Ihre Spur wird sich im Sande verlaufen, ausgelöscht werden. Die jüdische Frage wird künftige Generationen nicht mehr beunruhigen. Das jüdische Bewußtsein ist ausgebrannt — der Schmerz gestillt, die Wunde geheilt. Andere werden sich am Kampfe beteiligen, jeder in seinem Heimatland, jeder mit seinem Wollen und Können — für die Wiederaufrichtung und das Recht des Volkes. Für einen Landgewinn im inneren Sinn, zur Entwickelung unseres Volkes — kulturell und ideell. Für einen Landgewinn in mehr äußerem Sinn zu unser aller Sicherung, sozialer und nationaler, wo wir leben und wirken. Für mich und unzählige andere wird die jüdische Frage nicht durch einfaches Durchschneiden des Fadens aus der Welt geschafft. Wir wollen langsam versuchen, ihn wieder zu knüpfen, fester und fester, in innigem Bund von Mann zu Mann, von Land zu Land. Es handelt sich nicht nur um eines Volkes Existenz. Es handelt sich um seine Wiedergeburt, um seine Rückkehr zum Ausgangspunkte seiner Natur und Kultur, damit es frei und in vollkommener Ruhe seinen eigenen Weg zum eigenen Ziel gehen könne. Dann, erst dann wird ihm der Friede werden,v von dem Du sprichst. Dann, erst dann wird der Name Jude seinen tiefen und reinen Klang zurückerhalten, und das jüdische Vclk wird nach den Jahren der Knechtschaft sein Antlitz in Freiheit und Verantwortlichkeit unter den Völkern erheben können. Dann erst kann der Jude dem Juden begegnen, nicht nur als Freund sondern als Bruder. Dann ist die jüdische Frage gelöst. — Wir haben uns ausgesprochen — wir können einander wieder begegnen. Tief in Deinem Innern, so tief, daß Du selbst es nicht einmal ahnst, und nur andere es sehen kennen, schlummert ein Keim. Er war es, der sich regte, als wir uns in unserer Kindheit zum erstenmal trafen *— er war es, der sich seitdem wieder und wieder in Dir gerührt hat, wie weit wir auch in Zeit und Raum, in Schein und Sein voneinander entfernt waren. Er war es, der Deinen Gedanken seine besondere Form gab, Deinem Tun seine treibende Idee, Deinem Brief seinen tiefen Unterton. Er war es, der Dein jüdisches Herz bewegte, als Du mir über den Abgrund, der uns trennte, Deine Hand reichtest zu Frieden und Versöhnung. Eingedenk dessen sage ich Dir Dank für die alte und teure Freundschaft und reiche Dir die Hand mit brüderlichem Gruß. Dein Gottfried Hirsch (Aus dem Dänischen von L. Nathansohn)