Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Zwei Briefe
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 84 (sequence 8)
- Language
- German
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84 Henri Nathansen: und nichtjüdischer Aristokratie zu pflegen — antijüdischer nenne ich sie in ihrer simulierten Toleranz. Du verweichlichtest Deine Sinne und verhärtetest Dein Herz — verschlössest Deine Augen vor einem Anblick, der mit Deinem ästhetischen t Feingefühl nicht harmonierte, verschlössest Deine Ohren vor dem Rufe, der Dein moralisches Wohlbehagen störte. Du konntest es Dir leisten, Deine Verachtung des Volkes, dem Du durch Abstammung angehörtest, zu kultivieren — Du und Deinesgleichen hatten nie mit dem Bettelbrief in der Hand vor den Türen gestanden, Du und Deinesgleichen konnten nicht mit einem Ausweisungsbefehl auf unbestimmte Zeit nach unbestimmtem Ort auf die Straße gesetzt werden. Was kümmerte es Dich — Du sagtest Dich los von Deiner Verwandtschaft und verzichtetest auf Deinen Namen. Du konntest nicht einmal einsehen, daß Deine ungestörte Gemütsruhe in all ihrer kultivierten Süffisance mindestens ebenso brutal war, wie die jüdische Arroganz, die Du zu Deinem Kummer auf Straßen und Gassen frech und ostentativ sich breit machen sähest. Du sähest, daß es nun einmal so war, aberes fiel Dir keinen Augenblick ein, Dich darum zu kümmern, weshalb es so war oder wie dem abgeholfen werden könnte. Du saßest auf dem Trockenen und bekümmertest Dich nicht um die, welche draußen vor Deiner Tür in der Nässe herumliefen. Du zogst Dir nur das Federbett über die Ohren und schlummertest sanft ein bei Sturm und Regen draußen — der schmeichelnden Begleitung zu Deiner friedlichen Ruhe. Diese Verhärtung und Verleugnung in Dir waren es, die so oft meinen Zorn erregten, zuletzt heute abend. Dieselbe Verhärtung und Verleugnung, die mein Herz erstarren ließen, wenn ich in den sogenannten jüdischen Kreisen verkehrte, in denen Du zu Hause bist. Ich kenne diesen Blick des Hochmuts und des herzlosen Klassenstolzes, der uns Kinder der unteren Schichten aus dem Rückhalt der jüdischen Oberklasse trifft. Der leicht emporgezogenen Brauen Arroganz, die vornehm blinzelnden Augenlider, des Lächelns glatte und kalte Maske. Du magst mir sagen, das sei überall das Gleiche — ich bestreite es. Bei den unjüdischen Juden besteht ein Plus an Verhärtung, ein Plus an Abweisung, von vornherein eine Ablehnung jeder Verwandtschaft, eine Absage an das rein gesellschaftliche Gefühl der Zusammengehörigkeit, die verstimmend, abstoßend, versteinernd wirkt. Nie in meinem Leben habe ich mich so hilflos verstoßen und einsam gefühlt wie unter diesen Menschen meines eigenen Stammes. Ich fühlte, daß ich verraten war, nicht nur deklassiert, sondern als Mensch disqualifiziert. Und mein Gemüt, das durch die Art meines Auf Wachsens, durch Umgebungund Verhältnisse ohnehin auf Isolierung eingestellt war, verkapselte sich doppelten seine Einsamkeit. Aber ich wurde Jude. Wie einer, der nie eine Kindheit gehabt hat, von einer Kindheit träumt, so träumte ich von einer Gefühlsgemeinschaft, in der sich meine verschlossene Seele erschließen und befreien könnte. Du erwähnst in Deinem Briefe, daß ich gesagt habe: „Ich bin eigentlich nur in meinen Träumen zu Hause, sonst bin ich nie da wo ich bin." Das ist Wahrheit, eine traurige Wahrheit, wie Du sagst. Ich habe mich niemals bei anderen völlig zu Hause gefühlt, wenn ich die ganz wenigen Menschen ausnehme, die mir am nächsten stehen. Niemals bei Dir, niemals. In Deinem Blick, in Deinem Lächeln, in der ruhelosen Stimmung um Dich her lag für mich eine unüberwindliche Schranke — ich fühlte, daß Deine Vertraulichkeit da aufhörte, wo sie erst richtig hätte beginhen sollen. Du gingst mit mir als Menschen um und umgingst mich als Juden. Nicht mein Feingefühl war es, das Du kränktest —-