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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 1-2 · p. 82

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 1-2
Article
Zwei Briefe
Date
1919-01-01
Page
82 (sequence 6)
Language
German
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82 Henri Nathansen: ließ in unserm Gemüte den ersten unbewußten und doch tief gehenden Eindruck des Lebens und Schicksals. Die Kindheit bestimmt unsre Richtung und unser Wachstum, je nachdem sie von Sonne umstrahlt oder von Schatten verdunkelt ist. Deines Vaters Stellung und Ansehen schützten Dich vor Kälte und Not; Du hast niemals Dein Brot mit Tränen gegessen, nie in Deinem Leben Dich als Jude gefühlt, oder besser gesagt, Du bist niemals dazu genötigt gewesen. In Deinem sicheren Hafen wuchsest Du auf in einer Welt von Milde, Schönheit und Reinheit — jenseits dieses Hafeiis öffneten sich Dir alle Türen und luden Dich ein zu gleicher Wärme, zu gleichem Wohlbehagen. Alles Harte, Garstige und Feindliche war von vornherein weggeräumt. Die jüdische Frage berührte wohl zu Zeiten auch Dich wie ein böser Zugwind aus einer ungeschützten Ecke der Umwelt. Aber Du zogst Dir bloß den Kragen bis über die Ohren und schmiegtest Dich vor dem Stürmen in Deinen Schutzwinkel. Bis Du Dich wieder in Sicherheit fühltest und ruhig und gleichmütig Dein Gesicht unangefochten an dem Platz an der Sonne, dahin Du gehörtest, zeigen konntest. Ich habe mich meine ganze Jugendzeit hindurch auf einem unsicheren Posten gefühlt. Nicht nur als Jude, sondern als Kind einer Schicht, deren Stellung unbefestigt war. Mein Elternhaus war sowohl durch innere wie durch äußere Umstände von der Außenwelt ziemlich abgeschlossen; man strebte wohl nach Licht und Luft, hatte aber nicht genug Fähigkeit und Willen, vielleicht auch nicht genügende Möglichkeiten, sich durch eigene Kraft zu Licht und Luft durchzuringen. Das war im Grunde wohl eine Folge unserer jüdischen Natur, die sich, wenn auch nicht bewußt, so doch instinktmäßig an die heimischen Wände klammerte. Und da unser Sinn wohl dem Lichte erschlossen war, aber den Weg ins Freie nicht finden konnte, schuf das eingeschlossene Leben, das wir lebten — wie tief und innerlich es auch sein mochte — kein gesundes, natürliches Gleichgewicht, sondern ein widerstreitendes Gefühl von Weltsehnsucht und Heimatssehnsucht, das sich nach und nach zu einer Einsamkeit ohne Ruhe und Harmonie entfaltete. Diese unsere Stellung in der Gesellschaft ist für mein ganzes Wesen, für mein rein menschliches und soziales Gefühl mitbestimmend geworden. Sie hat wahrscheinlich auch, wenngleich in weit geringerem Maße, meinem jüdischen Bewußtsein den Weg gebahnt, aber niemals in meiner Jugend habe ich mich bewußt als Jude gefühlt. Hier und da bekam ich allerdings, wie ja auch Du, zu fühlen, daß ich Jude war, aber das spornte niqht mein jüdisches Gefühl an, sondern erweckte in mir viel eher Wünsche und Sehnsucht nach einer freieren glücklicheren Welt, in die ich .unbemerkt, wie ein Tropfen im Meere, hinausgleiten könnte. Mein Elternhaus war ohne ausgeprägt jüdisches Bewußtsein, ohne ausgesprochen religiöses Gefühl — weder durch Erziehung noch durch Glauben oder Ausübung drang das Judentum in mein Gemüt ein. Mein jüdisches Bewußtsein ist überhaupt nicht das Produkt äußerer Einflüsse — weder durch mein Heimatshaus noch durch Verkehr oder Lektüre. Ohne daß ich selbst davon wußte, ist es ungeheuer langsam in meinem Innern aufgewachsen — andere Gewächse, die weiteren Raum beanspruchten, breiteten sich auf seine Kosten aus, so daß es jahrelang ruhig liegen mußte wie ein Samenkorn in seiner Hülle, ohne Nahrung von außen, in des Unterbewußtseins Winterschlaf. Die Nahrung, die für sein Wachstum erforderlich war, wurzelte tiefer, verbarg sich in Quellen unter den Erdschichten vergangener Generationen. Geschlecht auf Geschlecht lebte sein Leben, unberührt von dem tiefen Born, der seinen dunklen Weg im Sande dahin-

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