Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Zwei Briefe
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 81 (sequence 5)
- Language
- German
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Zwei Briefe 81 Glauben und unser Tun an einer ganz anderen Stelle einsetzen als bisher. Kein Krieg, weder ein egoistischer noch ein sozialer oder nationaler. Wie es in dem alten Segensspruch heißt: „Der Herr lasse sein Antlitz über Dir leuchten und schenke Dir Frieden." Friede — gerade das ist es, wonach das Judentum verlangt, Du und ich; alle die dreizehn Millionen Juden, die unter dem Fluch des Kampfes leiden und gelitten haben. Er brachte uns Entstellung, Verzerrung, krankhaftes Selbstgefühl und gewöhnliche Prahlerei auf der einen Seite — Mißtrauen, Mißgunst und Haß auf der anderen. Jetzt aber verlangen wir nach" Ruhe und Frieden. Ruhe für unsere angespannten Nerven, — Frieden für unsere friedlose Seele. Wir haben es erreicht, die Welt von unserem Recht an das Leben zu überzeugen. Der Schiedsspruch über unser Recht auf ein freies und harmonisches Zusammenleben mit den anderen wird davon abhängen, welchen Gebrauch wir selbst in Zukunft von diesem Recht machen. — Jetzt habe ich Dir gesagt, was ich auf dem Herzen hatte, soweit es sich in der späten nächtlichen Stunde sagen läßt. Auch Du und ich verlangen nach Ruhe und Frieden in unserer Freundschaft. Sind nicht gerade Du und ich die Verkörperung des Widerspruches und Widerstreites innerhalb der jüdischen Gemeinschaft? Wenn nicht eben das Judentum uns trennte, wäre unsere Freundschaft der tiefe, treue Bund, der alles in Vertrauen und Harmonie ausgleicht. Und hiermit will ich schließen — was bleibt mir noch zu sagen? Wie teuer mir Deine Freundschaft ist, hast Du so oft gefühlt, daß Du es wissen mußt. Es waren die Schatten der Vergangenheit, die sich heute abend zwischen Dir und mir erhoben und den Abend trübten. Jetzt bin ich wieder ruhig und drücke Dir in Gedanken die Hand. Gute Nacht und auf baldiges Wiedersehen! Dein Karl Marcus Lieber Karl! Dank für Deinen Brief. Sein offener und vertraulicher Ton sagte mir, was Du gar nicht hättest zu sagen brauchen. Auch ich habe in meinem ganzen Leben nur einen einzigen Freund besessen. Brauche ich Dir mehr zu sagen? Ich bin in einer andern Schicht geboren als Du. Ich und mein Geschlecht haben unter vielen Schwierigkeiten gestrebt, uns einen Platz an der Sonne zu erringen. Du bist auf der Sonnenseite des Lebens geboren, hast eine Kindheit unter andern Kindern verlebt, sorglos, wie die Kindheit eigentlich für alle Menschen sein sollte. Deine Eltern gehörten zu dem Kreise der kleinen exklusiven jüdischen Aristokratie in unserer gemeinsamen Vaterstadt. Wir andern gehörten eigentlich nirgendwo hin. Wir strebten natürlich uns so weit wie möglich über Wasser zu halten — deshalb suchten wir keinen Verkehr mit Leuten, die uns zwar sozial, nicht aber kulturell gleichgestellt waren. Und ebenso natürlich — jedenfalls für uns — suchten wir keinen Umgang mit denen, die sozial über uns standen. Wir wollten nicht, daß auch nur der leiseste Schatten von Unterwürfigkeit auf uns fiele. Das war eine etwas teuer erkaufte Vornehmheit — aber w*r glaubten nun einmal, wir könnten uns das leisten. Und doch — Du und ich fanden einander trotz dieser Gegensätze — auf der breiten Straße der Kindheit, jenseits von Gut und Böse. Aber diese unsere Zugehörigkeit zu zwei entgegengesetzten Schichten hinter- Keft 1/2. 6