Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Zwei Briefe
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 80 (sequence 4)
- Language
- German
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8o Henri Nathansen: die Aufmerksamkeit doppelt stark auf jeden einzelnen von uns zu lenken. Du weißt, daß ich eine angeborene Scheu vor der jüdischen Zurschaustellung habe. Von den Gesten bis zur Ausdrucksweise, vom Jargon innerhalb der vier Wände bis zum Auftreten in der Öffentlichkeit. Ich verabscheue die Freimaurerei im jüdischen Familienleben und in der Religionsausübung — Rudimente eines Daseins im Dunklen. Ich verabscheue die Darstellung jüdischen Lebens in Büchern und auf der Bühne — ich gestehe, daß ich darauf sehe wie auf eine entwürdigende Hunde- oder Affenvorstellung zur Erheiterung eines lachlustigen Publikums. Es verletzt nicht bloß mein ästhetisches Gefühl, es kränkt mein Takt- und mein Feingefühl. Nein — ich will heute abend ganz ehrlich sein und mich nicht besser, machen als ich bin. Feingefühl — das-Wort, hinter dem wir Juden uns am häufigsten decken, wenn wir uns unsere Abstammung und deren Äußerungen vom Leibe halten wollen, ist im Grunde gar nicht das Wort. Hat man einen Buckel, so wünscht man nur eines: ihn vor der Neugier wie vor dem Mitleid der Menge zu verbergen; und ich fühle meinen Buckel, ich gestehe es, wenn ich den jüdischen Typus als merkwürdiges Naturphänomen hingestellt sehe oder höre. Dann fühle ich, wie das Ghetto mir förmlich und buchstäblich auf den Leib rückt, und ich wende mich ab mit Grausen — meinem eigenen Volke fremder als irgend einem anderen Volk auf Erden. Ich wünsche nur eins: Frieden, Schweigen über meinen Namen Jude. Ich stehe dem Gedanken eines jüdischen Volkes als eines wesensverschiedenen und nationalbewußten Volkes unter den Völkern fern und fremd gegenüber. Ich wünsche nicht, daß der jüdische Ton und die jüdische Färbung durch künstlich hervorgerufene Absonderung unterstrichen wird. Ich wünsche das jüdische Wesen gemildert, entfärbt durch das Zusammenleben mit den anderen, durch die Resignation und gesellschaftliche Konvenienz, die jeglicher Verkehr erfordert. Ich ersehne den Tag, den meine Augen wohl nie erblicken werden, da der Name Jude ein toter Name sein wird, so wie die jüdische Sprache tot ist und das jüdische Land tot ist gleich so vielen anderen. Schon jetzt gibt es nichts, das uns verbindet, keinen Glauben, keine Kultur, keine Heimat. Wir leben in dem Lande, in dem wir leben — in ihm, für es und von ihm. Wir haben nur ein Ziel, dasselbe wie alle anderen: unser Leben, seinen Willen und seine Kraft der Zeit zu widmen, in der wir leben. Nichts daneben und nichts darüber hinaus. Und wenn diese glückliche Zeit einst anbricht, dann wird es vorbei sein mit dem Jagen und Gejagtwerden. Dann braucht kein Jude mehr seine Kräfte zu überspannen, um auf der Rennbahn als stolze Nummer eins zu triumphieren — auf Kosten seiner Seele. Da braucht sich kein Jude mehr als ein gehetztes Wild auf fremdem Boden zu fühlen. Da wird er sein würdiges Antlitz zurückerhalten, das jetzt all zuoft verzerrt äst vom unsicheren Einsatz und vom sicheren Gewinn. Da kann er befreit zurückblicken auf die Zeit der Drangsal seines Stammes und unter Friedenspalmen ruhen. Da hat das Leben ihm einen neuen Glauben, eine neue Heimat, ein neues Antlitz geschenkt, vor allem aber eine neue Seele, veredelt im Ringen, besänftigt im Ruhen, während sie früher verhärtet war vom Gejage. Wenn wir einmal so weit gekommen sind, dann können wir uns alle in vollem Vertrauen begegnen, zu gemeinsamer Arbeit, Schulter an Schulter, ein Volk in einem Lande. Das wäre für mich das einzige gelobte Land, das es gibt. Aber bis dahin geht es um Dich und um mich und um jeden einzigen Juden in der weiten Welt. Die Sache erfordert, daß wir all unsere Energie, all unseren