Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Zwei Briefe
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 79 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Zwei Briefe 79 Worte ausgelöscht sehen möchte, weil es durch die unerklärliche Melodie der Sprache einen Klang von Elend und Erniedrigung, von Schmach und Strafe, von Neid und Haß erhalten hat. Und wie der Name, so ist mir das Wesen, das sich hinter dem Namen birgt, fremd, ja, zu Zeiten feindlich, unschön, beunruhigend — es findet sich kein Wort, welches das mehr körperliche als geistige Unbehagen, das ich dabei empfinde, ganz ausdrückt. Und das Wesen, das ich meine, ist nicht nur äußerlicher Natur. Es liegt im jüdischen Wesen ein innerer Zug von Spott und Kälte, ein Lächeln so bar aller Wärme, wie das Blitzen eines Dolches, der im Lichte funkelt, eine harte undurchdringliche Schale von Egoismus, Brutalität und Zynismus, eine fremde und feindliche Stimmung, die meinen Mißmut erregt und mir alles Mitgefühl raubt, eine Empfindung von Ekel und Bedrückung, die ich nicht zu beschreiben vermag. Es liegt im jüdischen Antlitz und Wesen, wie Zeit und Leben, verschuldet oder unverschuldet, es gestaltet haben, eine peinliche Dissonanz, die mir auf die Nerven geht, eine Entstellung und Verzerrung, bald unterwürfig gekrümmt, bald herausfordernd aufgeblasen. Du kannst versuchen, mir auf logischem Wege zu erklären, woher das kommt — ich kann Deinen Raisonnements und Argumenten zustimmen. Ich kann kurz gesagt verstehen. Aber alles Verstehen der Welt kann mein Gefühl nicht um einen Zoll verrücken, es dringt nicht ein in meine Sympathie, die sich unabhängig von meinem Verstand und selbst von dem besten Willen erschließt oder verschließt. Ich kenne selbstverständlich Juden, die sympathisch auf mich wirken, mich für sich einnehmen durch eine eigne Sanftmut, eine eigne resignierte Einsamkeit. Aber so wunderlich es auch klingen mag, sie wirken auf mich wie ferne und fremde Typen, ich fühle mich ihnen gegenüber wie ein Fremder zwischen Fremden; ich fühle mich unsicher in meinem Verhältnis zu ihrem innersten Wesen — es gibt einen Punkt, an dem die Sympathie aufhört und die Unsicherheit beginnt. Du kannst mir antworten,' Du seiest mein Freund, unsere Freundschaft habe sich bewährt, während andere Freundschaften aufflammten und in ihrer eigenen Asche zusammenfielen. Und doch: überall in unserm Verkehr, wo ich in Dir den Juden fühlte, in Deinem Spott oder in Deinem Pathos, wurdest Du mir fremder als selbst die fernsten meiner ehemaligen Freunde. Wir standen an einem Punkte, wo die Freundschaft aufhörte und die unversöhnlichen Gegensätze auf einander trafen. Ich empfand dies zuletzt noch am heutigen Abend: es war, als hätte ich Dich nie richtig gekannt, oder besser gesagt, als hätte ich im Grunde niemals gewünscht, Dich richtig kennen zu lernen. Es war mir, als wären wir unser ganzes Leben lang mit einem Hintergedanken in unserem Bewußtsein herumgegangen, einem Mißtrauen, das den Boden, auf dem wir standen, unsicher machte. Und wir bewegten uns vorsichtig auf diesem schwankenden Grunde, damit nur nicht ein unbesonnener oder unüberlegter Schritt verrate, was wir heimlich dachten und fühlten: ein festerer Tritt, und der Grund wird nachgeben und uns die Leere unter der dünnen Tragfläche enthüllen. Ja — ich spreche offen zu Dir, vielleicht zum erstenmal in meinem Leben. Du weißt ebenso gut wie ich, daß Offenherzigkeit keine jüdische Eigenschaft ist. Durch Generationen hindurch sind wir zu einer chamäleonartigen Verwandlungskunst, einer tintenfischartigen Gabe des Unsichtbarmachens erzogen worden. Zuerst aus Not, späterhin aus Tugend. Sowohl vor uns selbst wie vor den anderen. Wir haben gesehen und erfahren, daß wir uns auf einem vorgeschobenen Posten befanden — deshalb mieden wir einander, um nicht durch doppelte Unterstreichung