Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Zwei Briefe
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 78 (sequence 2)
- Language
- German
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78 Henri Nathansen: ohne eigene Schuld, aber mit rechtem Unbehagen in der Lage eines gewissen Insektes zwischen zwei Nägeln befand. Ich bin in einem Jahrhundert geboren, da die zunehmende Aufklärung, Demokratisierung und Entnationalisierung mit dem Obskurantismus, Klerikalismus und Chauvinismus früherer Zeiten aufzuräumen trachten. Mein Ziel war, in aller Bescheidenheit Mensch unter Menschen zu werden. Das Judentum war für mich eine Religion und als solche — wie jede andere Religion — eine Gefühlssache, eine Privatsache. Ich wünschte mich weder ins Ghetto zurück, noch hin nach Palästina. Du sagtest heute abend im Laufe unseres Gespräches ein Wort, das sicherlich etwas Wahres enthält: ,,Ich bin eigentlich nur in meinen Träumen zu Hause, sonst bin ich nie da, wo ich bin." Aber auch eine Wahrheit kann traurig sein. Ich bin da, wo ich bin, und da beabsichtige ich zu bleiben, solange freundliche Mächte ihre Hände über mir halten. Also: ich bin Jude. Das ist eine Tatsache, aber auch eine Tatsache kann traurig sein. Ich gebe ruhig zu, was ich Dir auch zugab, als Du hier warst: niemals würde ich das gleiche unverschuldete Schicksal über andere bringen, und ich habe es auch nicht getan. Meine Kinder habe ich taufen lassen, nicht meinet-, sondern ihretwegen. Folge dem Brauch, oder meide das Land. — Solange die dänische Volkskirche zugleich die dänische Staatskirche ist und als solche vom Staate gestützt wird, sollen sich meine Kinder der Gleichberechtigung erfreuen, die mir nicht zuteil wurde; ihnen soll nicht von Geburt ab der Stempel des Irregulären aufgedrückt sein und sie ihr ganzes Leben lang in eine schiefe Stellung zur Gesamtheit bringen. Sie sollen befugt und berechtigt sein, sich in den durch Sitte, grauch und Überlieferung gezogenen Grenzen frei zu bewegen. Die Taufe hat für mich mit Religion nichts zu tun; sie ist eine Bescheinigung, wie ein Impfschein oder ein Konfirmationszeugnis. Eine Vorbeugungsregel gegen die tückischen Ansteckungsstoffe aus einer Umwelt, die mit Aberglauben und Vorurteil infiziert ist. Und mit dieser Betrachtung steht alles andere im Einklang. Ich bin in Dänemark geboren, fühle mich als Däne, bin Däne. Alles ist für mich mit diesem Lande verbünden: meine Familie, meine Freunde, meine Sprache, meine Arbeit, mein Leben. Wo ich gehe und stehe, fühle ich mich zu Hause: in der Natur des Landes, in seinem Geistesleben, in seiner Kunst. Mein Land erscheint mir als das beste, nicht weil es wirklich so ist, sondern weil ich es so empfinde. Ich verstehe alle andren und zwar aus den gleichen Voraussetzungen — ihr Land muß ihnen dasselbe bedeuten, was mir das meine bedeutet. Es ist eine Vaterlandsliebe ohne Pathos, ohne Patriotismus und Nationalismus. Ein gesundes, natürliches Heimatsgefühl, das im täglichen Leben von meinen eignen Räumen, im öffentlichen Leben von den Grenzen des Landes begrenzt wird. Jenseits dieser Grenzen mag es für andere ein Glück geben und für mich reichen Ertrag, wenn ich hingehe, um Erfahrungen zu sammeln und aus der Distanz zu betrachten, was mir selbst gehört. Und um es wiederzusehen — vertraut und doppelt lieb — wenn ich heimkehre. Heim — ja, heim! Und nun komme ich zu dem springenden Punkt. Und da will ich versuchen, mich in Ruhe und ohne Übertreibung so zu fassen, wie die späte Nachtstunde es mir eingibt und wie die Rücksicht auf unsere mir so teure Freundschaft es gebietet Ich bin Jude. Ein Wort für mich, ein Name, der in meinem Herzen keine gefühlvolle Stimmung auslöst — im Gegenteil. Ein Wort, das für mich einen Beiklang hat, um dessentwillen ich es nur ungern ausgesprochen höre und selbst nur mit Mißbehagen ausspreche. Ein Wort, das ich aus der Zahl der lebendigen