Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Halacha und Aggada
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 76 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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76 Chaim Nachman Bialik: Halacha und Aggada Schaffen, aber etwa der „Moreh nebuche has'man"*) — das einzigartige, der höchsten Idee entsprungene Buch der neueren Literatur — soll überhaupt nicht unter den Begriff des Schöpferischen fallen. Und ich betone noch einmal: ich will nicht Halacha und Aggada gegeneinander abwiegen und sage nicht, jene ist wertvoll und diese ist nicht wertvoll, meine Intention geht auf Halacha und Aggada schlechthin, als zwei Zwillingsformen des Schrifttums und des Lebens, und ich frage: Was soll das Ende einer Aggada sein, die ihre Halacha nicht unmittelbar neben sich hat? Das Ende in der Literatur — wenn dies das Ende ist — sehen wir, Sie ist leer wie jene Tiefsee, in der keine Fische leben. Wer wirklich und wahrhaftig irgend etwas lernen will, muß noch jetzt selbst, nach 150 Jahren ihres Bestehens, auf ein „anderes Feld" hinausgehen. Und es ist zu befürchten, daß auch das bischen Aggada in ihr — die Schönheit — immer mehr dahinsiecht, aus Mangel an Zustrom, der von Zeit zu Zeit aus höheren Geistesquellen zu ihr käme. Das Daseinsrecht der schönen Literatur beruht letzten Endes doch nurdarauf, daß sie mit ihren eigentümlichen Mitteln einen festen Zusammenhang zwischen den formenden Einzelnen und den zu formenden Vielen herstellt. „Poesie um ihrer selbst willen", „wie der Vogel singt" steht — in Stunden des Pausierens — jenen an, die vorher und nachher im Schweiß ihres Angesichts um die Aufrichtung eines starken, alle Zweige der menschlichen Kultur umfassenden Schrifttums sich mühen, eines Schrifttums, das Leben gestaltet und Leben aufbaut. Ihnen steht es an zu singen. Aber welche Notwendigkeit ist in einer Dichtung aus Langeweile und Müßiggang? So ist es in der Literatur. Und im Leben? Da geht und wächst eine Generation in einer Atmosphäre auf, die ganz und gar aus Dichtung, Gesang und allerlei Dingen besteht, die sämtlich Geschwätz des Mundes und Wind der Lippen sind. Immer mehr entsteht eine Art Willkürjudentum; man hat laute Schlagworte:Nationalismus,Renaissance, Literatur,Schaffen, hebräische Erziehung, hebräischer Gedanke, jüdische Arbeit — und all diese Dinge hängen an dem dünnen Haar irgendeiner Liebe: Liebe zum Land, Liebe zur Sprache, Liebe zur Literatur. Was kostet eine ätherische Liebe? Liebe? — Aber wo ist die Pflicht? Und woher soll sie kommen? Woher soll sie Kraft saugen? Aus der Aggada? Sie ist ihrer Natur nach ja selbst Willkür, Ja und Nein sind schlaff in ihrer Hand. Ein Judentum, das nur Aggada wäre, gliche einem Eisen, das man wohl in die Flamme, aber nicht in die Kühlung gebracht hat. Streben des Herzens, guter Wille, Erhebung des Geistes, innere Liebe — all dies sind schöne und sinnvolle Dinge, wenn an ihrem Ende Tat steht, eisenharte Tat, strenge Pflicht. Vom Aufbauen sprecht ihr? „Schließet einen Bund und zeichnet ihn auf, und unter dem Siegel unsere Fürsten, Leviten und Priester . . . und richtet über euch Gebote auf!" (Nehemia 10, 1 und 33.) So begannen ja auch eure Väter zu bauen. Die erhabenen Gesichte des zweiten Jesaja erweckten die Herzen, als aber die Stunde des Aufbaues kam, war bei den beiden Propheten unter den Bauenden — Chaggai und Sacharja — das Ende des Prophetismus und der Anfang der Halacha, und die nach ihnen kamen, Esra und seine Helfer, waren nur mehr Männer der Halacha allein. *) Das nachgelassene Hauptwerk Nachman Krochmals (gest. 1840), [Anm. d. Übersetzers.]