Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Halacha und Aggada
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 75 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Halacha und Aggada 75 ich pflücke die Blumen, die Früchte will ich nicht. Schließlich wird er auch keine Blumen mehr erlangen können, denn wo keine Frucht ist, ist kein Fruchtkern, und wo kein Fruchtkern ist; woher soll eine Blume kommen? Die Pfeile der Aggada schwanken hin und her und fliegen vor Schaukeiii in die Luft, als ob sie von einer schlaffen Bogensehne abgeschossen seien; die Pfeile der Halacha fliegen gradaus und zuverlässig auf der richtigen Bahn, kräftig und ohne Zittern, wie wenn sie aus einem gespannten Bogen aufschnellten. Jene gibt Luft zum Atmen, diese einen Standort für die Füße, den Boden der Welt; jene führt das strömende und flüssige Element ein, diese das Sein-erzeugende und feste. Ein Volk, das nicht gelernt hat, Halacha und Aggada zusammenzuheften, liefert sich selbst ewiger Irrsal aus und setzt sich der Gefahr aus, den graden und einzigen Weg vom Willen zur Tat und von der Bestrebung zur Verwirklichung zu vergessen. Sind Halacha und Aggada selbander verbunden, so ist dies ein Zeugnis der Gesundheit und Beweis der Reife des Volkes. Und überall, wo du verwitwete Aggada antriffst, sind sicherlich die Tatkraft und Tatmittel des Volkes erschlafft und bedürfen der Heilung. Das mögen sich besonders jene zu Herzen nehmen, die unter den Merkmalen des Volkstums das Formale dem Inhaltlichen voranstellen. Schwer haben so und so viele Generationen in Israel an der Aggada gesündigt, die den lebendigen Zusammenhang zwischen sich und ihr unterbrachen. Zahllose Einfältige faßten ihre Aussprüche nach dem Wortsinn auf und betrachteten sie als Glaubensartikel, und zahllose sich klug Dünkende faßten ihre Aussprüche ebenfalls nach dem Wortsinn auf und hielten sie für müßiges Geschwätz. Beide waren rohen Sinnes und Geschmacks, daher waren ihre Augen wie verklebt und sie sahen das dichterische Leuchten und die „Wahrheit des Gleichnisses" in ihr nicht. Sie hatten aufgehört, ihre Sprache zu verstehen. Nun sind wir mit einem Geschlecht beglückt, das ganz und gar Aggada ist, Aggada im Schrifttum und Aggada im Leben. Die ganze Welt ist nurmehr eine große Aggada. Die Halacha in all ihren Bedeutungen kennt und erwähnt man nicht. Wie sehr auch diejenigen, denen diese Erkenntnis unangenehm ist, sie leugnen mögen, die Wahrheit kann nicht verrückt werden: unsere neuere Literatur hat sich in ihrem größten Teil wie ein Bettler auf der alleruntersten Stufe des kulturellen Gedankens und Gefühls ihren ständigen Wohnsitz gewählt, alle fünfzig Pforten der Einsicht sind ihr verschlossen, und nichts ist ihr geblieben als ein kleines Pförtchen zweifelhafter „Schönheit" — die heutige Aggada (der däumlingshafte, journalistische Feuilletonismus kommt nicht in Betracht). Ein paar Erzählungen und ein paar Gedichte — das ist die ganze Ernte in ihrem Bettelsack. Irgend andere Zuflüsse aus höheren Geistesquellen fehlen. Die Halacha hat in Israel aufgehört. Und das Schlimmste von allem ist, daß in ihr, der neueren Literatur, auch gar keine Neigung sich zu erkennen gibt, aus diesem ihrem lauten Grabe, dem Grabe ihrer Armut sich zu erheben und emporzustreben. Im Gegenteil: die Anmut des Ortes ist über seinen Schöpfern. Und seit unter ihnen * die gewöhnlichen und unwissenden Menschen zugenommen haben, tritt von deren Seite noch so etwas wie ein zielbewußtes Streben hervor, im Herzen der Menge die Meinung Wurzel schlagen zu lassen, es gebe keine andere „Literatur" und kein anderes „Schaffen" als diese „schönen" allein, und alles, was außerhalb davon liege, sei wertlos. Ein närrischer Knabe, der zwanzig Verse oder zwei Novellen, mit Verlaub, geschaffen hat — dessen Schaffen heißt