Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Halacha und Aggada
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 77 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Henri Nathansen: Zwei Briefe 77 Kommt und richtet Gebote über uns auf! Man gebe uns Formen, um unseren flüssigen und trüben Willen in ihnen zu präzisen und festen Ausprägungen umzugießen. Wir dürsten nach leibhaften Taten. Gewöhnt uns im Leben ans Tun mehr als ans Reden, im Schrifttum an die Halacha mehr als an die Aggada. Wir beugen unseren Nacken: Wo ist das eiserne Joch? Warum kommt die starke Hand nicht und der ausgereckte Arm? (Deutsch von Gerhard Scholem) Chaim Nachman Bialik ZWEI BRIEFE Von Henri Nathansen Lieber Gottfried! Damit die Mißstimmung, die heute abend zwischen uns entstanden ist, nicht Zeit erhält, sich zu vertiefen, schreibe ich Dir diesen Brief. Es ist spät; ich habe in meiner Ecke gesessen, seitdem Du mich mit einem kurzen Adieu verließest; jetzt aber bin ich an den Schreibtisch gerückt, um zu versuchen, in der vollständigen Stille, die über meiner Stube und meinem Innern ruht, meine Gedanken und meine Worte zu klären — vielleicht wird es ihnen einigermaßen gelingen, die Gefühle, denen sie entspringen, auszudrücken. In unserer unbedingten, vertrauten Freundschaft ist die Frage, über die wir heute abend stritten» immer der einzige heikle Punkt gewesen. Wir umkreisten ihn oft, er lockte uns mit der sonderbaren Antilogie der Gefahr; aber der Abgrund schreckte uns so sehr, daß wir den Fuß zurückzogen, sobald wir fühlten, daß wir uns seinem Rande näherten. Bis er nun heute abend sei nen Schlund auftat, und wir beide hineinsprangen, als drängte es uns nur, endlich einmal auf den Grund zu kommen, gleichviel ob wir dadurch vielleicht mit einem Schlage das Band zerrissen, das uns von unserer Jugendzeit bis auf den heutigen Tag in alter Freundschaft verknüpft hat. Ich habe hier in meinem Winkel gesessen, seitdem Du fortgingest. Ich wäre kein Jude, wenn ich Dich nicht leidenschaftlich mit all dem beschuldigt hätte, was ich eben so gut als Beschuldigung gegen mich selbst erheben könnte. Ich habe Dir Deine krankhafte Rechthaberei vorgeworfen, Deinen Mangel an Verständnis und Solidaritätsgefühl, Dein Mißtrauen, Deine sterile Sentimentalität, Deinen Radikalismus, der in meinen Augen verstockter ist als der krasseste Konservativismus. Niemals eine ruhige Betrachtung, niemals ein glückliches Gleichgewicht. Alles auf die Spitze getrieben aus einem Hang zu eitler Selbstzufriedenheit, aus Neigung zu unnatürlicher Selbstquälerei. Aber nun, da ich hier am Schreibtische sitze, sind alle Anklagen verstummt. Ich möchte Dir nur sagen, was ich Dir gern gesagt hätte, als Du hier warst, aber nicht zu sagen vermochte, weil Worte, wie immer zwischen Menschen, die Gedanken trüben und die Gefühle verwirren, und weit übers Ziel hinausschießen, um an einer ganz anderen Stelle als der beabsichtigten zu treffen. Ich bin Jude wie Du. Das erfüllt mich weder mit Stolz noch mit dem entgegengesetzten Gefühl — es ist eine Tatsache, die mich vollkommen gleichgültig lassen würde, wenn nicht Dummheit einerseits, Dünkel und Überheblichkeit andererseits mich hier und da deutlich hätten empfinden lassen, daß ich" mich,