Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Halacha und Aggada
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 74 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Chaim Nachman Bialik: unmöglich sein, auch aus diesem Material Großes zu schaffen, wenn nur die Größe im Zentrum seiner Seele wohnt. Wie viel braucht ein gottgesegneter Künstler, um zu schaffen? Ein wenig ungestalteten Stoff als Anhalt für den Geist. Ist der Stoff armselig, so macht er ihn aus seinem Besitze reich, ist er tot, leiht er ihm Leben aus seinem Lebensquell. Die vollendete Kunst, jene, die kein Spaten ist, um mit ihr zu graben, und keine stolze Krone auf dem Haupt von Selbstliebe trunkener und von falschem Lob berauschter Narren — auch sie dauert wie die Thora nur in dem, der sich für sie opfert — um Leben zu erwecken. Das Wesentliche ist die lebendige Beziehung des Menschen zu den Lebensformen vor ihm. Und wer über eine von ihnen verkündet, sie sei wertlos, der bedarf erst der Prüfung, ob nicht vielmehr sein Leben in jenem Bezirke wertlos sei. Aus diesem Felsgestein, aus der Halacha, sollen wir uns lebendige Wasser schlagen? — fragt das „Geschlecht der Wiedergeburt" erstaunt und ungläubig. Jawohl! Wenn der Stab Gottes in euren Händen und ein Quell des Lebens in euren Herzen ist! Wahrlich, hätten wir vollendete und gottgesegnete Schaffende, deren Leben noch nicht verbogen ist, sie würden auch den Lippen dieses Felsgesteins Sprache verleihen, und durch jenes Geringe, das man Genie nennt, die Halacha in ein nationales Epos verwandeln. Unsern Künstlern ist es jetzt freilich angenehmer, auf entliehenen Instrumenten zu spielen, sich Formen zu nehmen, die andere bereitet haben, und sie in wertloser Nachahmung zu imitieren. Zwar ist die Arbeit nicht immer rein, aber dafür ist sie leicht. Was billig ist, das findet man bei ihnen. Und darum ist auch in der Aggada, die sie anerkennen, ihre Stärke durchaus noch nicht so sehr hervorgetreten und immer noch wartet sie auf den Erlöser, der sie zur nationalen Lyrik umwandeln soll, zu einer wahrhaft neuen Dichtung, was auch den alten synagogalen Dichtern bei all ihrer Mühe nicht gelungen ist — aus Mangel an Genie und weil auch bei ihnen die lebendige Beziehung zu dieser Literaturform fehlte. Also beugen wir das Haupt und kehren zurück zum — Schulchan-Aruch? Wer an meinen Worten ein solches Gesicht findet, hat nichts von ihnen begriffen. Die Worte Halacha und Aggada sind talmudisch und ihre Bedeutung an ihrem Orte eine präzise, aber soweit ihr inneres Wesen in Betracht kommt, läßt sich ihr Sinn erweitern und auch über alle Erscheinungen von gleicher Art, sei es aus vortalmudischen, sei es aus späteren Epochen, ausdehnen. Es sind zwei geschlossene Formen, zwei antithetische Stile, die einander durch das Leben und Schrifttum begleiten, und wie jedes Geschlecht seine Aggada, hat jede Aggada ihre Halacha. Nicht um diese Aggada oder jene Halacha handelt es sich hier, sondern um das Wesen der Halacha, um Halacha als eine große Gesetzlichkeit, als eine sinnliche und geschlossene Gestaltung konkreten Lebens, eines Lebens, das nicht im Äther schwebt und im Dunst schöner Gefühle und Worte allein hängt, sondern das auch einen schönen Körper und körperliche Gestalt hat. Und diese Halacha, behaupte ich, ist nichts anderes als die notwendige Fortsetzung, „das Ende des Verses" der Aggada. Groß ist die Aggada — denn sie führt zur Halacha. Jede Aggada aber, an der nichts zur Halacha strebt, ist sentimental und zerfließt schließlich ebenso, wie sie die Tatkraft ihrer Herren auflöst. Sagt jemand: ich kenne nurmehr Aggada, so untersuche man seine Aggada, ob sie nicht nur eine unfruchtbare Blume ist. Wem gleicht er? Dem, der sagt: