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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 1-2 · p. 73

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 1-2
Article
Halacha und Aggada
Date
1919-01-01
Page
73 (sequence 13)
Language
German
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Halacha und Aggada 73 Maatel über sie ausbreiten, um ein Gutsrecht darauf zu erwerben, und wie sie einander mit Sicheln um die Nachlese schlagen, und das bunte Feld mit Weizen, Lolch, Fenchel, Beermelde und Portulak, und die Rebe, die mit dem Feigenstock auf einem Spalier gezogen wird, und die Ameisenhaufen im Getreide, und den Wirbelsturm, der die Weinstöcke fortweht, und den Mann, der die frischen Kräuter sammelt, und den, der sie getrocknet aufhäuft, und den Winzer, der die Trauben abpflückt — und eine ist in den Blättern verwickelt und gleitet aus seiner Hand und fällt ab, und den Haufen Weizenkörner samt dem einen Korn, das ihn von der Verzehntungspflicht befreit, und den Hirsch, den einer für das Geld kauft, das er aus dem Zehnten eingelöst hat, und den Baum, der auf einem Gebiet steht und dessen Wipfel sich auf ein anderes hinüberneigt, und den Hundeteig, von dem die Hirten essen, und den Granatapfelbaum, der zum ersten Mal Frucht getragen hat und an einen Rohrstab gebunden wird, und die jungen Tauben auf den Körben und zahlloses dieser Art. Und geht er zur Ordnung Moed und Naschim über, sieht er da nicht Auge in Auge das Leben des jüdischen Hauses in all seinen Ordnungen und Einzelheiten? Und kommt er zu Nesikin, muß es ihm nicht scheinen, als sähe er die jüdischen Märkte und Gassen, die eines Tages plötzlich mitten in ihrem Tun und Treiben, ihrem ganzen Lärm und Getümmel, erstarrt sind? Und solch einer fühlt dann wohl, daß in kurzem, im nächsten Moment, ein großer, klassischer Künstler kommen könnte und mit dem Stab Gottes in seiner Hand — der Kraft des Genies — an jenes versteinerte Leben rühren, daß es zurückkehrt und in einer der großen Schöpfungen ein zweites Leben führt. Nur ein ganz klein wenig, ein geringes Maß von Inspiration, und die Halacha verwandelt sich unter seiner Hand zum Epos. Man findet ja Menschen, „die ein Geschehnis sehen und sogleich sich einer Halacha erinnern", warum sollte nicht auch das Gegenteil möglich sein: „Sie sahen eine Halacha an und erinnerten sich einer Geschichte"? Gewiß, diese Epik ist unvollständig, das erzählerische Moment fehlt ihr fast völlig, Sie ist ganz beschreibend: kleine Aufzeichnungen von Bräuchen eines ärmlichen Alltagslebens ziehen langsam vorüber, und auch sie kommen nicht um ihrer selbst willen vor, sondern eingeschaltet und nebenbei^ aber was ist da zu tun: so war das jüdische Leben in jenen Tagen, und so hat es sich in dem einzigen nationalen Schriftwerk jener langen Epoche erhalten. Ein anderes Leben hatten wir nicht, und wenn doch, so ist keine Erinnerung daran übrig geblieben. Die Periode der Kraft und Stärke und die Zeit der erhabenen Schöpfung des biblischen Epos waren damals aus dem Leben ebenso wie aus dem Schrifttum unwiederbringlich geschwunden. Die Tage des Stillstandes kamen: die Tage der „Bewachung der Mauern" und Verteidigung des Gebauten und seit altersher Bestehenden, die Tage, wo man Schutzwälle und Schutzwälle für die Schutzwälle aufrichtete, und auch die Halacha und Aggada jener Tage tragen beide in ihrer Prägung den Stempel ihrer Zeit, den Stempel der Passivität. Großes findet sich weder in dieser noch in jener. Beide sind kleine Fragmente, Fragmente von Gedanken und Gefühl, Fragmente von Tat. Einem vollendeten Künstler aber, einem, der sich die Inspiration nicht aus den Fingern saugt oder sie aus der großen Schüssel eines fremden Tisches holt, sondern niedertaucht und aus der Tiefe des großen Abgrundes der Seele des Volkes und seinem rätselhaften Leben Kraft saugt, einem solchen Künstler, sage ich, wird es nicht

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