Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Halacha und Aggada
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 72 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Chaim Nachman Bialik: Offenbar kommt auch dieses harte Urteil von einer Verwechslung der Form mit dem Inhalt und des Zufälligen mit dem Wesentlichen. Die grundlegenden Werke der Halacha — die Mischna und die Baraithoth — haben, wie es die Natur ihres Gegenstandes und ihr Ziel notwendig macht, die Form von Vorschriftensammlungen und Gesetzbüchern, und dies hat offensichtlich die Veranlassung dazu gegeben, sie aus der Literatur in deren heutigem Sinn auszuschließen. So urteilen freilich nur, die auf den Augenschein sehen. Enthielten jene Worte nur logische Regeln und Rechtsgrundsätze in blasser Abstraktion, so hätten sie mit ihren Argumenten recht, wer aber weiß nicht, daß in der jüdischen Halacha für Abstraktionen so gut wie gar kein Platz ist und sie fast gänzlich plastisch und sinnlich ist. „Wenn zwei einen Mantel anfassen . . „Bringt ein Töpfer seine Töpfe .. „Wer den Krug hinstellt.. ." — Das ist der beständige Stil der jüdischen Halacha. Vom Anfang bis zum Ende besteht sie fast ganz aus bunten Bildern, kleinen und großen, des konkreten jüdischen Lebens im Verlauf eines Jahrtausends und mehr. Die Aggada, die ihre Kraft aus der geistigen Welt saugt, handelt vom Geschauten und Gewollten, und lese ich in ihr, so sehe ich, was das jüdische Volk wollte, wie es dachte und welche Ideale es sich aufstellte. Die Halacha, die sich aus der Welt des tätigen Lebens nährt, handelt vom Existenten und Geltenden, und zeigt uns sinnfällig in kurzen, aber prägnanten Bildern das Leben des Volkes selber, die Wirklichkeit seines Lebens. Aus ihr ersehe ich unmittelbar, wie das Volk sein Wollen und seine Ideale, die es durchströmten, in feste und präzise Lebensformen kleidete, in die Gestalt von Taten. Schlagt ihr die Mischna auf, zieht eure Stirn nicht in Falten. Geht die Abschnitte ruhig durch wie jemand, der zwischen den Ruinen alter Städte schreitet; schlendert durch die halachischen Entscheidungen, die dort wie Ziegel auf einer Mauer beieinander aufgeschichtet sind und in ihrer Konzentriertheit wie aus Stein gehauen anmuten. Betrachtet mit offenem Auge all die kleinen und kleinsten Bilder, die dort zu Tausenden durcheinander gestreut sind und sagt: Seht ihr nicht das tätige Leben eines ganzen Volkes vor euch, das mitten in seinem Gang mit all seinen kleinen Zügen und Einzelheiten versteinert ist? Ich spreche nicht nur von den ganzen und ausgeführten Bildern, die dort manchmal vorkommen, wie etwa die Ordnung des Darbringens der Erstlingsfrüchte, die Ordnung des Tempeldienstes am Versöhnungstag, die Prozeßordnung und dergleichen. Solche beschreibende Abschnitte sind ja vollendete Epik (was deren beschreibende Seite betrifft), und zwar von der vorzüglichsten Art Ich meine auch jene kleinen Stückchen, einzelne Striche und Linien, Fragmente eines erstarrten Lebens, aus denen sich fast die ganzen sechs Ordnungen der Mischna und Tossephta zusammensetzen. Haben all diese wirklich keinerlei Nutzen für die Literatur, sind sie in der Tat unbrauchbar, absolut unbrauchbar? Liest ein Jude etwa in der Ordnung Seraim, kommt da nicht manchmal plötzlich ein Geist von Leben über ihn, ein Duft von Erde und von Grünem, und unversehens vergißt er, daß er im Lehrhaus sitzt und lernt, und er sieht das „Volk" — den „Am haarez" — bei seiner ganzen Arbeit auf dem Felde und im Garten, im Weinberg und auf der Tenne, es und den Priester, der seinen Rundgang bei den Tennen macht, und die Armen, die zuletzt gehen und Nachlese halten, wie sie sich auf der ihnen gehörigen Ecke niederwerfen oder ihren